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Full text of "Deutsche Menschen - Eine Folge von Briefen"

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DEUTSCHE MENSCHEN 



EINE FOLGE VON BRIEFEN 



AUSWAHL UND EINLEITUNGEN 

VON 

DETLEF HOLZ 



1936 



VITA NOVA VERLAG LUZJERN 



p^,_-r-BT-r-.i— -F^. TS7, 7 .,_. 



Alle Rechte vorbehalten 

Copyright by Vita Nova Verlag Luzern 

Einbandzeichnung von Max von Moos 

Gedruckt in der Buchdruckerei H. Borsigs Erben A.G. Zurich 



ijeufftfie 



Von €hee ohne Ruhm 
Von Gcol^c oKnc 6l&nz 
Von ZXlutrbe ohne Solo 



j 



:i 



VORWORT 

Die fiinfundzwanzig Briefe dieses Bandes umfassen 
den Zeitraum eines Jahrhunderts. Der erste ist von 1783, 
der letzte von 1883 datiert. Die Reihenfolge ist chrono- 
logisch. Ausserhalb ihrer ist das folgende Schreiben ge- 
stellt. Aus der Mitte des hier umspannten Jahrhunderts 
stammend, gibt es den Blick auf die Anfdnge der Epoche 
— Goethes Jugend — frei, in voelcher das Bzirgertum seine 
grossen Positionen bezog; es gibt ihn aber — durch seinen 
Anlass, Goethes Tod — auch auf das Ende dieser Epoche 
frei, da das Bilrgertum nur noch die Positionen, nicht 
mehr den Geist bewahrte, in welchem es diese Positionen 
erobert hatte. Es war die Epoche, in der das Biirgertum 
sein geprdgtes und gewichtiges Wort in die Wagschale 
der Geschichte zu legen hatte. Freilich schiverlich mehr 
als eben dieses Wort; darum ging sie unschdn mit den 
Griinderjahren zu Ende. Lange ehe der folgende Brief 
geschrieben wurde, hatte, im Alter von sechsundsiebzig 
Jahren, Goethe dieses Ende in einem Gesicht erfasst, das 
er Zelter in folgenden Worten mitteilte: «Reichthum und 
Schnelligke.it ist, was die Welt bewundert und wornach 
jeder strebt. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe 
und alle mogliche Facilitdten der Communication sind es, 
worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu iiberbilden und 
dadurch in der Mittelmdssigkeit zu verharren . . . Eigent- 
lich ist es das Jahrhundert fiir die fdhigen Kopfe, 
fiir leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer 
gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superioritdt iiber 
die Menge fiihlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Hoch- 
sten begabt sind. Lasst uns soviel als moglich an der 
Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, 
mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer 
Epoche, die so bald nicht wiederkehrt.» 



KARL FRIEDRICH ZELTER 

AN KANZLER VON MuLLER 

Berlin, den 31. Marz 1832. 

Erst heute, verehrtester Mann, kann ich Ihnen fiir die 
freundschaftlichste Theilnahme danken, von welcher Art 
auch die Gelegenheit diesmal seyn mag. 

Was zu ervvarten, zu fiirchten war, musste ja kommen. 
Die Stunde hat geschlagen. Der Weiser steht wie die Sonne 
zu Gibeon, denn siehe auf seinem Riicken hingestreckt 
liegt der Mann, der auf Saulen des Hercules das Uni- 
versum beschritt, wenn unter ihm die Machte der Erde 
una den Staub eif erten unter ihren Fiissen. 

Was kann ich von mir sagen? zu Ihnen? zu alien dort? 
und iiberall? — Wie Er dahinging vor mir, so ruck' ich 
Ihm nun taglich naher und werd' ihn einholen, den hol- 
den Frieden zu verewigen, der so viel Jahre nach ein- 
ander den Raum von sechsunddreyssig Meilen zwischen 
uns erheitert und belebt hat. 

Nun hab' ich die Bitte : horen Sie nicht auf, mich Ihrer 
freundschaftlichen Mittheilungen zu wiirdigen. Sie wer- 
den ermessen, was ich wissen darf, da Ihnen das niemale 
gestorte Verhaltnis zweyer, im Wesen stets einigen, wenn 
auch dem Inhalte nach weit von einander entfernten Ver- 
trauten bekannt ist. Ich bin wie eine Wittwe, die ihren 
Mann verliert, ihren Herrn und Versorger! Uud doch darf 
ich nicht trauern; ich muss erstaunen iiber den Reich- 



8 



thum, den er mir zugebracht hat. Solchen Schatz hab' 
ich zu bewahren und mir die Zinsen zu Capital zu machen. 
Verzeihen Sie, edler Frextnd! Icb soil ja nicht klagen, 
und doch wollen die alten Augen nicht gehorchen tmd 
Stich halten. Ihn aber habe ich auch einmal weinen sehn, 
das muss mich rechtfertigen. 

Zelter. 



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INHALT 



Georg Christoph Lichtenberg an G. H. Amelung 

Johann Heinrich Kant an Immanuel Kant 

Georg Forster an seine Fran 

Samuel Collenbusch an Immanuel Kant 

Heinrich Pestalozzi an Anna Schulthess 

Johann Gottfried Seume an den Gotten seiner friiheren 

Verlobten 
Johann Heinrich Voss an Jean Paul 
Friedrich Holderlin an Casimir Bohlendorf 
Clemens Brentano an den Buchhandler Reimers 
Johann Wilhelm Bitter an Franz von Baader 
Bertram an Sulpiz Boisseree 
Ch. A. H. Clodius an Elisa von der Recke 

Annette von Droste-Hiilshoff an Anton Matthias Sprick- 
mann 

Joseph Gorres an den Stadtpfarrer Aloys Vock in Aarau 

Justus Liebig an Graf August von Platen 

Wilhelm Grimm an Jenny von Droste-Hiilshoff 

Karl Friedrich Zelter an Goethe 

David Friedrich Strauss an Christian Maerklin 

Goethe an Moritz Seebeck 

Georg Biichner an Karl Gutzkow 

Johann Fiiedrich Dieffenbach an einen Unbekannten 

Jacob Grimm an Friedrich Christoph Dahlmann 

Furst Clemens von Metternich an den Graf en Anton von 
Prokesch-Osten 

Gottfried Keller an Theodor Storm 

Franz Overbeck an Friedrich Nietzsche 



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Man kennt den beriihmten Brief, den Lessing nach dem Tod 
seiner Frau an Eschenburg selirieb : «Meine Frau ist tot : und diese 
Erfahrung habe icb nun auch gemacht. Ich freue mich, dass mir 
viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr iibrig sein konnen zu 
macben; und bin ganz leicht. — Auch tut es mir wohl, dass icb. 
mich Ihres, und unsrer iibrigen Freunde in Braunschweig, Bei- 
leids versichert halten darf.» — Das ist alles. Diesen grossartigen 
Lakonismus hat auch der soviel langere Brief, den Lichtenberg, 
nicht viel spater und aus verwandtem Anlass, an einen Jugend- 
freund gerichtet hat. Denn so ausfiihrlich er iiber die Lebensum- 
stande des kleinen Madchens ist, das Lichtenberg in sein Haus 
nahm, soweit er in ihre Kindheit zuriickgreift, so unvermittelt und 
erschiitternd ist, wie er — ohne ein Wort von Krankheit und Kran- 
kenlager — mittendrin abbricht, als hatte der Tod nicht nach der 
Geliebten allein, sondern auch nach der Feder gegriffen, die ihre 
Erinnerung festhalt. In einer Uinwelt, die in ihren Tagesmoden vom 
Geist der Empfindsamkeit, in ihrer Dichtung vom genialischen We- 
sen erfiillt war, pragen unbeugsame Prosaisten, Lessing und Lich- 
tenberg an der Spitze, preussischen Geist reiner und menschlicher 
aus als das fredericianische Militar. Es ist der Geist, der bei Lessing 
die Worte findet: «Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere 
Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen» und Lichtenberg die 
grausame Wendung eingibt: «Die Aerzte hoffen wieder. Mich 
diinkt aber, es ist alles vorbei, denn ich bekomme kein Geld fiir 
meine Hoffnung.» Die in Tranen gebeizten, in Entsagung ge- 
schrumpften Ziige, die aus solchen Briefen uns ansehen, sind Zeu- 
gen einer Sachlichkeit, die mit keiner neuen den Vergleich zu 
meiden hat. Im Gegenteil: wenn irgend eine, so ist die Haltung 
dieser Burger unverbraucht und von dem Raubbau unbetroffen 
geblieben, den das neunzehnte Jahrhundert in Zitaten und Hof- 
theatern mit den «Klassikerns> trieb. 



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GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG 
AN G. H. AMELUNG 

Gottingen, Anfang 1783. 

Mein allerliebster Freund, 

Das heisse ich fiirwahr deutsche Freundschaft, liebster 
Mann. Haben Sie tausend Dank fur Ihr Andenken an 
mich. Ich habe Ihnen nicht gleich geantwortet, und der 
Himmel weiss, wie es bei mir gestanden hat ! Sie sind, und 
miissen der erste sein, deni ich es gestehe. Ich habe vori- 
gen Sommer, bald nach Ihrem letzten Brief, den grossten 
Verlust erlitten, den ich in meinem Leben erlitten habe. 
Was ich Ihnen sage, muss kein Mensch erf ahren. Ich lernte 
im Jahre 1777 (die sieben taugen wahrlich nicht) ein 
Madchen kennen, eine Biirgerstochter aus hiesiger Stadt, 
sie war damals etwas iiber dreizehn Jahre alt; ein solches 
Muster von Schonheit und Sanftmut, hatte ich in meinem 
Leben noch nie gesehen, ob ich gleich viel gesehen habe. 
Das erste Mai, da ich sie sah, befand sie sich in einer 
Gesellschaft von fiiaf bis sechs andern, die, wie die Kinder 
hier tun, auf dem Wall den Vorbeigehenden Blumen ver- 
kaufen. Sie hot mir einen Strauss an, den ich kaufte. Ich 
hatte drei Englander bei mir, die bei mir assen und wohn- 
ten. God almighty, sagte der eine, what a handsome girl 
this is- Ich hatte das ebenfalls bemerkt, und da ich wusste, 
was fur ein Sodom unser Nest ist, so dachte ich ernstlich, 
dieses vortreffliche Geschopf von einem solchen Handel 
abzuziehen. Ich sprach sie endlich allein, und bat sie, 
mich im Hause zu besuchen; sie ginge keinem Burschen 
auf die Stube, sagte sie. Wie sie aber horte, dass ich ein 
Professor ware, kam sie an einem Nachmittage mit ihrer 



16 



Mutter zu mir. Mit einem Wort, sie gab den Blumen- 
handel auf, und war den ganzen Tag bei mir. Hier fand 
ich, dass in dem vortrefflichen Leib eine Seele wohnte, 
grade so wie ich sie langst gesucht, aber nie gefunden 
hatte. Ich unterrichtete sie im schreiben und rechnen, und 
in anderen Kenntnissen, die, ohne eine empfindsame 
Geckin aus ihr zu machen, ihren Verstand immer mehr 
entwickelten. Mein physikalischer Apparat, der mich 
iiber 1500 Taler kostete, reizte sie anfangs durch seinen 
Glanz und endlich wurde der Gebrauch davon ihre ein- 
zige Unterbaltung. Nun war unsere Bekanntschaft aufs 
Hochste gestiegen. Sie ging spat weg, und kam mit dem 
Tage wieder, und den ganzen Tag iiber war ihre Sorge, 
meine Sachen, von der Halsbinde an bis zur Luftpumpe 
in Ordnung zu halten, und das mit einer so himmlischen 
Sanftmut, deren Moglichkeit ich mir vorher nicht gedacht 
hatte. Die Folge war, was Sie schon mutmassen werden, 
sie bheb von Ostern 1780 an ganz bei mir. Ihre Nei- 
gung zu dieser Lebensart war so unbandig, dass sie nicht 
einmal die Treppe herunterkam, als wenn sie in die 
Kirche und zum Abendmahl ging. Sie war nicht wegzu- 
bringen. Wir waren bestandig beisammen. Wenn sie in 
der Kirche war, so war es mir als hatte ich meine Augen 
und alle meine Sinnen weggeschickt. — Mit einem 
Wort — sie war ohne priesterliche Einsegnung (verzeihen 
Sie mir, bester, liebster Mann, diesen Ausdruck) meine 
Fran. Indessen konnte ich diesen Engel, der eine solche 
Verbindung eingegangen war, nicht ohne die grosste Riih- 
rung ansehen. Dass sie mir alles aufgeopfert hatte, ohne 
vielleicht ganz die Wichtigkeit davon zu fiihlen, war mir 
unertraglich. Ich nahm sie also miit an Tisch, wenn 
Freunde bei mir speisten, und gab ihr durchaus die Klei- 



17 



doing, die ihre Lage erforderte, und liebte sie mit jedem 
Tage mehr. Meine ernstliche Absicht war, mich mit ihr 
auch vor der Welt zu verbinden, woran sie nun nach und 
nach mich zuweilen zu erinnern anfing. O du grosser 
Gott! und dieses himmlische Madchen ist mir am 4ten 
August 1782 abends mit Sonnen-Untergang gestorhen. Ich 
hatte die besten Aerzte, alles, alles in der Welt ist getan 
worden. Bedenken Sie, liebster Mann, und erlauben Sie 
mir, dass ich hier schliesse. Es ist mir unmoglich fort- 
aufahren. 

G. C. Lichtenherg. 



i Man muss, um sich recht in den Geist des folgenden Briefes 

zu versetzen, niclit nur die ganze Diirftigkeit eines mit wenig mehr 

als seinen Schulden und vier Kindern ausgestatteten Pastorenhaus- 

j halts im Baltischen vor Augen haben, sondern auch das 

i Haus, in das er gerichtet war: Immanuel Kants Haus am Schloss- 

I graben. Da fand niemand «tapezierte oder herrlich gemalte Zim- 

mer, Gemaldesamnilungen, Kupferstiche, reichliches Hausgerat, 

' splendide oder einigen Wert nur habende Meublen, — nicht ein- 

mal eine Bibliothek, die doch bei mehreren auch welter nichts als 

Zimmermeublierung ist; ferner wird darin nicht an geldsplitternde 

Lustreisen, Spazierfahrten, auch in spatern Jahren an keine Art 

von Spielen usf. gedac.ht.» Trat man hinein, «so herrsclite eine fried- 

. liche Stille Stieg man die Treppe hinauf, so . . . ging man links 

t durch das ganz einfache, unverzierte und zum Teil rauchrige Vor- 

haus in ein grosseres Zimmer, das die Putz-Stube vorstellte, aber 

' keine Pracht zeigte. Ein Sofa, etliche mit Leinwand iiberzogene 

i Stiihle, ein Glasschrank mit einigem Porzellan, ein Bureau, das 

sein Silber und vorratiges Gold befasste, nebst einem Warmemes- 

ser und einer Konsole — waren alle die Meublen, die einen Teil 

der weissen Wande bedeckten. Und so drang man durch eine ganz 

armselige Tiir in das ebenso armliche Sans-Souci, zu dessen Be- 

* tretung man beim Anpochen durch ein frohes «Herein!» eingeladen 

t wurde.» So vielleicht auch der junge Studiosus, der dies Schreiben 

nach Konigsberg brachte. Kein Zweifel, dass es wahre Humanitat 

-, atmet. Wie alles Vollkomraene aber sagt es zugleich etwas iiber 

die Bedingungen und die Grenzen dessen, dem es derart vollende- 

.. ten Ausdruck gibt. Bedingungen und Grenzen der Humanitat? Ge- 

' wiss, und es scheint, dass sie von uns aus ebenso deutlich gesichtet 

}' werden, wie sie auf der andern Seite vom mittelalterhchen Daseins- 

{, stande sich abheben. Wenn das Mittelalter den Menschen in das 

^ Zentrum des Kosmos stellte, so ist er uns in Stellung und Bestand 

! gleich problematisch, durch neue Forschungsmittel und Erkennt- 

f nisse von innen her gesprengt, mit tausend Elementen, tausenden 

f Gesetzlichkeiten der Natur verhaftet, von welcher gleichfalls unser 

i, 

I 

5 19 



Bild im radikalsten Wandel sich befindet. Und nun blicken wir 
zuriick in die Aufklarung, der die Naturgesetze noch an keiner 
Stelle im Widerspruch zu einer fasslichen Ordnung der Natur ge- 
standen haben, die diese Ordnung im Sinne eines Reglementes 
verstand, die Untertanen in Kasten, die Wissenschaften in Fachern, 
die Habseligkeiten in Kastchen aufmarschieren liess, den Menschen 
aber als homo sapiens zu den Kreaturen stellte, um durch die Gabe 
der Vernunft allein von ihnen ihn abzuheben. Derart war die Bor- 
niertheit, an welcher die Humanitat ihre erhabene Funktion ent- 
faltet und ohne die sie zu schrumpfen verurteilt war. Wenn dieses 
Aufeinanderangewiesensein des kargen eingeschrankten Daseins und 
der wahren Humanitat nirgends eindeutiger zum Vorscbein kommt 
als bei Kant (welcher die strenge Mitte zwiscben dein Schulmeister 
und deni Volkstribunen markiert), so zeigt dieser Brief des Bru- 
ders, wie tief das Lebensgefuhl, das in den Schriften des Philoso- 
phen zum Bewusstsein kam, im Volke verwurzelt war. Kurz, wo von 
Humanitat die Rede ist, da soil die Enge der Biirgerstube nicht 
vergessen werden, in die die Aufklarung ihren Sehein warf. Zu- 
gleich sind damit die tieferen gesellschaftlichen Bedingungen aus- 
gesprochen, auf denen Kants Verhaltnis zu seinen Geschwistern be- 
ruhte: der Fiirsorge, die er ihnen angedeihen liess und vor allem 
des erstaunlichen Freimuts, mit dem er iiber seine Absichten als 
Testator und die sonstigen Unterstiitzungen sich vernehmen liess, 
die er schon bei Lebzeiten ihnen zuwandte, so dass er keinen, we- 
der von seinen Geschwistern «noch ihren zahlreichen Kindern, 
deren ein Teil schon wieder Kinder hat, habe Not leiden lassen.» 
Und so, setzt er hinzu, werde er fortfahren, bis sein Platz in- der 
Welt auch vakant werde, da dann hoffentlich etwas auch fur seine 
Verwandten und Geschwister iibrig bleiben werde, was nicht un- 
betrachtlich sein diirfte. Begreiflich, dass die Neffen und Nich- 
ten, wie in diesem Schreiben auch spater an den verehrten Onkel 
sich «schriftlich . . . anschmiegen». Zwar ist ihr Vater schon im 
Jahre 1800, vor dein Plulosophen, gestorben, Kant aber hat ihnen 
hinterlassen, was ursprunglich seinem Bruder zugedacbt war. 



20 



JOHANN HEINRICH KANT AN 
IMMANUEL KANT 

Altrahden, 21. Aug. 1789. 
Mein liebster Bruder! 

Es wird wohl nicht unrecht sein, dass wir uns nach 
einer Reihe von Jahren, die ganz ohne alien Brief wechsel 
unter uns verlebt worden, einander wieder nahern. Wir 
sind beide alt, wie bald geht einer von uns in die Ewigkeit 
hmiiber; billig also, dass wir beide einmal das Andenken 
der binter uns liegenden Jahre wieder erneuern; mit dem 
Vorbehalt, in der Zukunft dann und wann (moge es auch 
selten geschehen, wenn nur nicht Jahre oder gar mehr 
als lustra dariiber verfliessen) uns zu melden, wie wir 
leben, quomodo valemus. 

Seit acht Jahren, da ich das Schuljoch abwarf, lebe ich 
noch immer als Volkslehrer einer Bauerngenieinde auf 
meinem Altrahdenschen Pastorate, und ich nahre mich 
und meine ehrliche Familie frugalement und geniigsam 
von meinem Acker : 

Rusticus abnormis sapiens crassaque Minerva. 

Mit meiner guten und wiirdigen Gattin fiihre ich eine 
gluekliche liebreiche Ehe und freue mich, dass meine 
vier wohlgebildeten, gutartigen, folgsamen Kinder mir 
die beinahe untriigliche Erwartulig gewahren, idass sie 
einst brave, rechtschaffene Menschen sein werden. Es wird 
mir nicht sauer, bei meinen wirklich schweren Amtsge- 
schaften doch ganz allein ihr Lehrer zu sein, und dieses 
Erziehungsgeschaft unserer lieben Kinder ersetzt mir und 
meiner Gattin hier in der Einsamkeit den Mangel des 



21 



gesellschaftlichen Umganges. Dieses ist nun die Skizze 
meines immer einformigen Lebens. 

Wohlan liebster B ruder! So lakonisch als Du nur im- 
mer willst (ne in publica Commoda pecces, als Gelehrter 
und Schriftstellers), lass es mir doch wissen, wie Dein Ge- 
sundheitszustand bisher gewesen, wie er gegenwartig ist, 
was Du als Gelehrter zur Aufklarung der Welt und Nach- 
welt noch in Petto habest. Und dann, wie es meinen noch 
lebenden lieben Schwestern und den Ihrigen, wie es dem 
einzigen Sohne meines seligen verehrungswiirdigen vater- 
lichen Onkels Richter gehe. Gerne bezahle ich Postgeld 
fiir Deinen Brief und sollte er auch nur eine Oktavseite 
einnehmen. Doch Watson ist in Konigsberg, der Dich ge- 
wiss besucht haben wird. Er wird ohnfehlbar bald wieder 
nach Kurland zuriickkommen. Der konnte mir ja einen 
Brief von Dir, den ich so sehnsiichtig wiinsche, mitbringen. 

Der junge Mensch, der Dir diesen Brief einhandigt, 
namems Labowsky, ist der Sohn eines wiirdigen, recht- 
schaffenen polnischen reformierten Predigers des Radzi- 
willschen Stadtchens Birsen; er geht nach Frankfurt an 
der Oder, daselbst als Stipendiat zu studieren. Ohe! jam 
satis est! Gott erhalte Dich noch lange und gewahre mir 
bald von Deiner Hand die angenehme Nachrieht, dass Du 
gesund und zufrieden lebest. Mit dem redlichsten Herz 
und nicht perfunctorie zeichne ich mich Deinen Dich auf- 
richtig liebenden 

Bruder 

Johann Heinrich Kant. 

Meine liebe Gattin umarmt Dich schwesterlich und 
dankt nochmals herzlich fiir die Hausmutter, die Du ihr 
vor einigen Jahren uberschicktesit. Hier kommen nun 



22 



raeine lieben Kinder und wolleo sieh durchaus in diesem 
Briefe a la file hinstellen. 

(Von der dltesten Tochter Hand:) 

J a, verehrungswtirdiger Herr Qnkel, ja, geliebte Tan- 
ten,* wir wollen durchaus, dass Sie unser Dasein wissen, 
uns lieben und nicht vergessen sollen. Wir werdenSie von 
Herzen lieben und verehren, wir alle, die wir uns eigen- 
Itandig unterzeichnen. 

Amalie Charlotta Kant. 

Minna Kant. 

Friedrich Wilhelm Kant. 

Henriette Kant. 



* Gemeint aind die beiden in KSnigsberg lebendea Scliweatero der Briider K.sut. 

23 



Als 1792 die Franzosen in Mainz einriickten, war Georg Forster 
dort kurfiirstlicher Bibliothekar. Er stand in den Dreissigern. Ein 
reiches Leben lag hinter ihm, das ihn als Jiingling schon, in der 
Gefolgschaft seines Vaters, an einer Weltumseglung — der Cook- 
schen, 1773 — 1775 — hatte teilnehmen, aber auch schon als Jiing- 
ling — mit tJbersetzungs- und Gelegenheitsarbeiten — die Harte 
des Daseinskampfes hatte spiiren lassen. Das Elend der deutschen 
Intellektuellen seiner Zeit hat Forster dann in langen Wanderjahren 
so gut kennen gelernt wie ein Burger, Holderlin oder Lenz; es war 
aber seine Misere nicht die des Hofmeisters in irgend einer klei- 
nen Residenz, sondern ihr Schauplatz war Europa, und darum war 
er fast als einziger Deutscher vorbestimmt, die europaische Erwide- 
rung auf die Zustande, welche sie veranlassten, von Grund auf zu ver- 
stehen. 1792 ging er als Delegierter der Stadt Mainz nach Paris und 
ist, nachdem die Deutschen durch die Riickeroberung der Stadt 
und seine Achtung die Heimkehr ihm verlegt hatten, dort bis zu 
seinem Tode, im Januar 1794, geblieben. Hin und wieder hat man 
Stellen aus seinen Pariser Briefen herausgegeben. Aber damit war 
wenig getan. Denn sie sind ein Ganzes, nicht nur als Folge, die in 
der deutschen Briefliteratur kaum ihresgleichen hat, sondern bei- 
nahe jeder einzelne ist es, von der Anrede bis zur Signatur uner- 
schopflich an Ergiessungen, welche aus einer bis zum Lebensrande 
vollen Erfahrung kommen. Was revolutionare Freiheit und wie 
sehr auf Entbehrung angewiesen sie ist, hat damals schwerlich 
einer wie Forster begriffen, niemand wie er formuliert: «Ich habe 
keine Heimat, kein Vaterland, keine Befreundeten mehr, alles, 
was sonst an mir hing, hat mich verlassen, una andere Verbindun- 
gen einzugehen, und wenn ich an das Vergangene denke und mich 
noch fur verbunden halte, so ist das bloss meine Wahl und meine 
Yorstellungskraft, kein Zwang der Verhaltnisse. Gute, gliickliche 
Wendungen meines Schicksals konnen mir viel geben; schlimme 
konnen mir nichts nehmen als noch das Vergniigen, diese Briefe 
«zu schreiben, wenn ich das Porto nicht mehr bezahlen kann.» 



24 



GEORG FORSTER AN SEINE FRAU 

Paris, den 8. April 1793. 

Ich warte keine neuen Briefe von Dir ab, meine Gute, 
um Dir zu schreiben. Wiisste ich raur, class Du beruhigt 
warst. Ich bin bed allem, was mir widerf ahren kann, voll- 
kommen ruhig und gefasst. Erstlich 1st, weil Mainz 
blockiert ist, darum noch nicht alles verloren ; allein wenn 
ich auch nie mehr ein Blatt Papier wiedersehen sollte 
von allem, was ich dort habe, so soil mich's nicht an- 
fechten. Der erste schmerzliche Eindruck dieses Ver- 
lustes ist vorbei, ich denke nicht mehr daran, nachdem 
ich durch Custine Massregeln getroffen habe, um wo- 
moghch zu retten, was zu retten ist. Bleibe ich nur mir 
selbst, so will ich schon fur Euch so arbeiten, dass bald 
alles nachgeholt sein soil. Mein bisschen Eigentum ging 
doch nicht viel iiber dreihundert Carolin an Wert, denn 
was ich an Papieren, Zeichnungen und Biichern verlor, 
will ich gar nicht rechnen. Ich bin hier auf dem Fleck 
der Erde, wo man mit etwas gutem Willen zur Arbeit und 
etwas Fahigkeit um Brot nicht bange sein darf. Meine 
zwei Mitdeputierten sind schon iibler daran; indessen 
bekommen wir doch Diatengelder, bis auf andere Art fur 
uns gesorgt ist. Langst schon suche ich mir anzugewohnen, 
au jour la journee zu leben, und suche nicht rnehr mit 
sanguinischen Hoffnungen schwanger zu gehen; ich finde 
das philosophisch wahr und mache Progressen darin. Ich 
glaube auch, wenn man dabei nichts versaumt, was zu 
unserm Fortkommen und zur Sicherstelhing unserer Lage 
gehort, so ist es das einzige, was uns immer galant und un- 
abhangig erbalten kann. 



25 



Aus der Feme sieht alles anders aus, als man's in der 
naheren Besichtigung findet. Dieser Gemeinspruch drangt 
eich mir liier sehr auf. Ich hange noch fest an meinen 
Grandsatzen, allein ich finde die wenigsten Menschen 
ihnen getreu. Alles ist blinde, leidenschaftliche Wut, ra- 
sender Parteigeist und schnelles Aufbrausen, das nie zu 
verniinftigen, ruhigen Resultaten gelangt. Auf der einen 
Seite finde ich Einsicht und Talente, ohne Mut und ohne 
Kraft; auf der andern eine physische Energie, die, von 
Unwissenheit geleitet, nur da Gutes wirkt, wo der Knoten 
wirklich zerhauen werden muss. Oft sollte man ihn aber 
losen und zerhaut ihn doch. Es steht jetzt alles auf der 
Spitze. Freilich glaube ich nicht, dass die Feinde reussie- 
ren werden; aber die Nation wird endlich auch miide 
werden, immer ganz aufstehen zu miissen. Es kommt also 
darauf an, wer am langsten aushalt. Die Idee, dass die 
Eigenmaeht in Europa vollends unertraglich w^erden 
muss, wenn Frankreich jetzt seine Absicht nicht durch- 
setzt, emport mich immer so sehr, dass ich sie mir von 
allem Glauben an Tugend, Recht und Gerechtigkeit nicht 
abgesondert denken kann, und lieber an diesen alien ver- 
zweifeln, als jene Hoffnung vereitelt sehen mochte. Der 
ruhigen Kopf e hier sind wenige oder sie verstecken sich; 
die Nation ist, was sie immer war, leichtsinnig und unbe- 
standig ohne Festigkeit, ohne Warme, ohne Liebe, ohne 
Wahrheit — lauter Kopf und Phantasie, kein Herz und 
keine Empfindung. Mit dem alien richtet sie grosse Dinge 
aus, demi gerade dieses kalte Fieber gibt ihnen ( den Fran- 
zosen) ewige Unruhe und den Schein von alien edeln 
Anregungen, wo doch nur Enthusiasmus der Ideen, nicht 
Gefiihl der Sache vorhanden ist. 

Ich bin noch in keinem Schauspiel gewesen, denn ich 



26 



gehe so spat zu Tisch, dass ich selten dazu kommen kaim*, 
auch interessiert es mich wenig und die bisherigen Stiicke 
haben mich nicht gereizt. Vielleicht bleibe Ich noch eine 
Zeitlang hier, vielleicht setzt man mich auf einem Biixo 
in Arbeit, vielleicht versehickt man mich; ich bin auf 
alles gefasst, zu allem bereit. Das ist der Vorteil meiner 
Lage, wo man an nichts mehr gebunden ist und auf nichte 
mehr in der Welt als seine secbs Hemden acht zu geben 
hat. Mir bleibt nur die einzige Unannehmlichkeit, dase 
ich auf das Schicksal muss alles ankommen lassen, und 
das tue ich gern, denn im Grunde steht man eich bei die- 
sem Vertrauen doch nicht iibel. Ich sehe wieder das erste 
Griin der Baume mit Vergniigen; es ist mir weit ruhren- 
der als das Weiss der Bliiten. 



27 



Wir besitzen von Samuel Collenbusch ein Miniaturportrat aus 
dem Jahre 1798. Ein schmachtiger Mann mittlerer Grosse, ein Sam- 
metkappchen auf den weissen Locken, bartlos, eine Adlernase, ein 
freundlicher offener Mund und ein energiscb.es Kinn, im Antlitz 
Spuren ehenials iiberstandener Pocken, die Augen getriibt durch den 
grauen Star — so sab dieser Mann fiinf Jahre vor seinem Tode aus. 
Er lebte anfangs in Duisburg, spater in Barmen und zuletzt in 
Gemarke, von wo auch der folgende Brief datiert ist. Von Beruf 
Arzt, nicht Pastor, war er der bedeutendste Fiihrer des Pietismus 
in Wuppertal. Sein geistiger Einfluss wirkte sich in miindlicher 
Aussprache, daneben aber in einem umfangreichen Briefwechsel 
aus, dessen meisterhafter Stil von einer Fiille schrulliger Einzel- 
heiten durchwoben ist. So verbindet er z. B. genan wie in seinen 
Spriichen, die in der Gemeinde die Runde machten, aucb in den 
Briefen gewisse Worte, die innerhalb ibres Zusammenhangs unter- 
stricben sind, mit an dem, ebenfalls unterstricbenen, dureh beson- 
dere Linienziige, ohne dass beide Worte das mindeste mit einander 
zu tun batten. Man hat von Collenbusch sieben Briefe an Kant, 
von denen aber nur die wenigsten abgeschickt sein diirften. Der 
folgende ist der erste der Reihe und hat Kant erreicht, ist aber von 
ihm, soviel man weiss, nicht beantwortet worden. Im ubrigen 
waren beide Manner Alters genossen im genauen Sinne. Geboren 
sind sie 1724. Collenbusch ist ein Jahr vor Kant, 1803, gestorben. 

SAMUEL COLLENBUSCH 

AN IMMANUEL KANT 

Mein lieber Herr Professor ! 

23. Januar 1795. 

Die Hoffnung erf rent das Herz. 

Ich verkaufe meine Hoffnung nicht fur tausend Ton- 
nen Galdes. Mein Glaube hofft erBtaunlich viel Gutes von 
Gott. 



28 



Ich bin ein alter, siebzigjahriger Mann, ich bin beinahe 
blind, als Arzt urteile ich, class ich in kurzer Zeit vollig 
blind sein werde. 

Ich bin auch nicht reich, aber meine Hoffnung ist so 
gross, dass ich mit keinem Kaiser tauschen mag. 

Diese Hoffnung erf reut mein Herz ! 

Ich habe mir diesen Sommer Ihre Moral und Religion 
ein paarmal vorlesen lassen, ich kann mich nicht iiber- 
reden, dass es Ihnen ein Ernst sein sollte, was Sie da ge- 
schrieben haben. Ein von aller Hoffnung ganz reiner 
Glaube und eine von aller Liebe ganz reine Moral, das 
iet eine seltsame Erscheinung in der Republik der Ge- 
lehrten. 

Der Endzweck, so etwas zu schreiben, ist vielleicht eine 
Lust, sich zu ergotzen; iiber die Inklination solcher Men- 
schen, welche die Gewobnheit haben, sich iiber alles zu 
verwundern, was seltsam 1st. Ich halte es mit einem hoff- 
nungsreichen Glauben, der durch die sich selbst und den 
Hachsten bessernden Liebe tatig ist. 

Im Christentum gelten keine Statuten, keine Beschnei- 
dung noch Vorhaut etwas, Gal. 5, keine Moncherei, keine 
Mess en, keine Wallfahrten, kein Fischessen usw. Ich 
glaube, was Johannes schreibt, Joh. 4, 16: Gott ist die 
Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, 
und Gott in ihm. 

Gott ist die seine verniinf tige Kreatnren bessernde 
Liebe, wer in diesem Glauben an Gott und den Nachsten 
bessernde Liebe bleibet, der wird es von Gott in dieser 
Welt mit geistlichem Segen, Eph. 1, 3, 4, und in der zu- 
kiinftigen Welt mit personlicher Herrlichkeit und einem 
reichen Erbe wohl belohnt werden. Diesen hoffnungsrei- 
chen Glauben kann meine Vernunft und mein Wille un- 



29 



moglich vertauschen mit eiriem von aller Hoffnung ganz 
reinen Glauben. 

Es tut mir leid, dass I. Kant nichts Gutes von Gott 
hofft, weder in dieser noch in der zukiinftigen Welt, ich 
hoff e viel Gutcs von Gott. Ich wiinsche Ihnen eine gleiche 
Gesinnung und verharre mit Hochachtung und Liebe zu 
eein 

Ihr Freund und Diener 
Samuel Collenbusch, 

Gemarke, den 23. Jan. 1795. 

Nachschrif t : 

Die Heilige Schrift ist ein stufenweiser, aufsteigender, 
mit sich selbst iibereinstimmender, zusammenhangender, 
vollstandiger Plan der seine Kreaturen bessernden Liebe. 
Z. E. : Die Aui'erstehung der Toten halte ich fiir eine Aus- 
ubung der seine Kreaturen bessernden Liebe Gottes. 

Ich f reue mich darauf . 



30 



Nach einer miindlichen Ueberlieferung soil Pestalozzi den 
Wunsch ausgesprochen haben, auf sein Grab solle fcein anderes 
Denkmal gesetzt werden als ein rauher Feldstein; er sei auch nur 
ein rauher Feldstein gewesen. Die Natur wollte Pestalozzi weniger 
veredeln als — wie diesem Feldstein — im Namen des Menschen 
ihr Halt gebieten. Und das ist auch der eigentliche Inhalt des fol- 
genden Briefes: der Leidenschaft im Namen des Menschen Halt zu 
gebieten. Wie scheinbar ganz spontane Meisterleistungen so oft — 
und zu den meisterlichen Liebesbriefen des deutschen Schriftturas 
gehort der folgende — ist auch diese die Auseinandersetzung mit 
einem Vorbild. Vorbildlich aber sind fur Pestalozzi die halb vom 
Pietismus begeisteten, halb schaferlich angehauchten Konfessionen 
der schonen Seelen und Kinder des Rokoko. Es sind im Doppelsinn 
des Wortes pastorale Briefe, mit denen er hier wetteifert, freilich 
nicht ohne gegen den klassischen Briefsteller dieses Genres, die 
•sNouvelle Heloise» von Rousseau, die sechs Jahre vor Abfassung 
dieses Schreibens erschienen war, sieh abzugrenzen. «Die Erscheinung 
Rousseaus», heisst es noch 1826 in der Autobiographie, «war ein 
vorziigliches Belebungsmittel der Verirrungen. zu denen der edle 
Aufflug treuer, vaterlandischer Gesinnung unsere vorziigliche Ju- 
gend in diesem Zeitpunkt hinfiihrte.» Neben dem Stilproblem aber, 
das durch die Wendung gegen den «gefahrlichen Irrlehrer» bewal- 
tigt wird, ist das private nicht zu iibersehen, das hier die Liebes- 
strategie zu losen hat. Es handelt sich urn die Gewinnung des «Dm>. 
Der dient die Idealgestalt der schaferlichen Doris, die in der zwei- 
ten Halfte des Schreibens auftritt. Sie muss die Stelle der Adressa- 
tin fiir die Zeit einnehmen, da Pestalozzi zum ersten Male das Du 
gebraucht. Soviel von der Faktur dieses Briefes. Wer aber wird 
daruber iibersehen, dass hier Satze iiber die Liebe sich finden — 
und alien voran der iiber ihren Sitz — , die es an Dauerhaftigkeit 
mit den Worten Homers aufnehmen konnen. Einfache Worte kom- 
men nun nicht immer, wie man gern glaubt, aus einfachem Gemiit 
— Pestalozzis war es weniger als jedes andere — bilden sich Viel- 
mehr geschichtlich. Denn so wie nur das Einfache Aussicht zu 



31 



dauern hat, ist umgekehrt die hochste Simplizitat nur das Produkt 
von eben dieser Dauer, an der auch Pestalozzis Schriften teil- 
haben. «Je mehr die Zeit vorschreitet», hat daher mit Recht der 
Herausgeber seiner «Samtlichen Werke» gesagt, «desto wichtiger 
werden alle Schriften Pestalozzis.» Als erster hat er die Erziebung 
dem gesellschaftlichen Zustande nicht nur durch Religion und Mo- 
ralitat, sondern zumal durch wirtschaftliche Ueberlegungen zu- 
geeignet. Auch hier ist er seiner von Rousseau beherrschten Epoche 
weit vorausgeeilt ; denn wenn Rousseau die Natur als das Hochste 
preist und lehrt, durch sie aufs Neue die Gesellschaft einzurich- 
ten, so schreibt ihr Pestalozzi Selbstsucht zu, die die Gesellschaft 
zugrunde richtet. Unvergleichlicher aber als in seinen Lehren ist 
Pestalozzi durch die immer neuen Einsatzstellen, die er im Den- 
ken und im Handeln fur sie entdeckte. Die Unerschopflichkeit 
des Urgrunds,. aus welchem seine Worte unberechenbar mit immer 
wieder neuen Stossen brechen, gibt dem Bilde, in dem sein erster 
Biograph seiner gedacht hat, den tiefsinnigsten Bezug: «Vulkanen 
ahnlieh leuchtete er in die Feme und erregte die Aufmerksam- 
keit der Neugierigen, das Staunen der Bewunderer, den Forschungs- 
geist der Beobachter und die Teilnahme der Menschenfreunde 
mehrerer Erdteile.» Das war Pestalozzi: Vulkan und Feldstein. 



HEINRICH PESTALOZZI 
AN ANNA SGHULTHESS 

Wenn ein heiliger Monch in dem frommen Stuhl der 
romischen Kirche einem Madchen seine Hand bietet, ohne 
eie mit dem rauhen Tuche seiner Kutte zu bedecken, so 
muss er Busse tun, und wenn ein Jiingling einem Madchen 
von einem Kuss redet, ohne inn zu geben und zu empfan- 
gen, so muss er billig Busse tun. Darum tue auoh ich 
Busse, dass mein Madchen nicht ziirne. Denn ein Mad- 
chen zttrnet zwar nicht, wenn es sieht, dass ein Jiingling 
der's wert ist, glaubt, dass sie ihn liebe, aber wenn ein 



32 



J tingling von einem Kuss nur redet, so ziirnet ein Mad- 
chen gewiss, denn man kiisst ja nicht einen jeden, den 
man liebt und die Kiisse der Madchen sind ja nur auf 
den Mund ihrer Freundinnen ibestimomt. Darum ist es eine 
grosse, schwere Siinde, wenn ein Jiingling ein Madchen 
zu einem Kuss zu verfuhren sucht. Am allermeisten ist 
die Siinde gross, wenn er ein einziges Madchen und noch 
gaT das Madchen, das er liebt, dazu zu verfiihren sucht. 

Ein Jiingling soil auoh ein Madchen, das er liebt, nie- 
mals allein zu sehen wiinschen. Der Sitz einer reinen, un- 
schuldigen Liebe sind gerauschvolle Gesellschaften und 
unsichere Stadtzimmer und das war in allem ein gefahr- 
licher Irrlehxer, der «Hutten» fur einen sejour des amants 
hielt, derm um Hiitten herum sind ednsame Wege und 
Wald und Flur und Wiesen und echattige Baume und 
Seen. Die Luft ist da so rein und atmet Freude und Won- 
ne und Heiterkeit: wie sollte wohl da ein Madchen den 
bosen Kiissen seines Geliebten widerstehen konnen? Nein, 
der Ort, wo ein bescheidener Jiingling Seine Geliebte zu 
sehen wiinscht, ist mitten in der Stadt. Am heissen Som- 
merabend wartet er seiner Geliebten gerade unter den 
gliihenden Dachziegeln in einem dunstvollen Zimmer, 
wo gegen das Lispeln des Zephyrs Bollwerke von Mauern 
getiirmt sind. Hitze und Dampf und Gesellschaft und 
Furcht erhalten den Jiingling in ehrbarer, sittsamer Stille 
und oft erfolgt da ein Beweis der allergrossten Tugend, 
einer auf dem Lande unerhorten Tugend: dass den Jiing- 
ling in Gegenwart seiner Geliebten anfangt zu schlafern. 

Darum sollte ich Busse tun, denn ich habe einsame 
Spaziergange und Kiisse gewiinscht; aber ich bin ein ruch- 
loser Sunder und mein Madchen weiss es, es wiirde meine 
Busse nur eine heuchlerische Busse heissen und vielleicht 



33 



doch eine andere nicht wiinschen. Darum will ich nicht 
Busse tun und wenn Doris ziirnt, will ich auch ziirnen 
und ihr dann sagen: 

«Was hab' ich getan? Du hast mir den Brief ja ge- 
nommen und ohne Erlaubnis gelesen, ex war nicht Dein. 
Darf ich nicht schreiben fur mich, auch schreiben und 
von Kiissen traumen, wie ich will? Du weisst ja, dass ich 
keine gebe, dass ich keine stehle; Du weisst ja, dass ich 
nicht kiihn bin; nur meine Feder ist kiihn. Wenn Deine 
Feder mit meiner Feder Streit hat, so lasse sie schreiben 
und mit papiernen Vorwxirfen meine Papierkuhnheit 
strafen. Uns aber geht der ganze Streit nichts an. Lass 
Deine Feder, wenn Du willst, uber meine Feder ziirnen. 
Dein Gesicht aber zwinge nicht mehr in ziirnende Falten 
und lass mich nicht mehr wie heut von Dir weg.» 

Ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst anstands- 
halber zu empfehlen und zeitlebens zu sein 

dero gehorsamster Diener 

H.P. 



34 



Unbesteehlicher Blick und revolutionares Bewusstsein haben 
von jeher vor dem Forum der deutschen Literaturgescbichte einer 
Entschuldigung bedurft: der Jugend oder des Genius. Geister, die 
kerns von beiden aufzuweisen hatten — mannliche und im strengen 
Sinne prosaische, wie Forster oder wie Seurae es waren — haben 
es nie zu mehr als einem schemenhaften Dasein in der Vorholle 
allgemeiner Bildung gebracht. Da.3S Seume kein grosser Dichter 
war, ist gewiss. Aber nicht das unterseheidet ihn von vielen andern, 
die an sichtbaren Stellen in der Geschichte der deutschen Literatur 
gefiihrt werden, sondern die untadlige Haltung in alien Krisen 
und die Unbeirrbarkeit, rait der er — da er nun einmal von hessi- 
schen Werbern unter das Militar war verschleppt worden — in sei- 
ner Lebensfiihrung jederzeit den wehrhaften Burger darstellt, lange 
nachdem er den Offiziersrock abgelegt hatte. Was das achtzehnte 
Jahrhundert unter dem «ehrlichen Mann» verstanden hat, das kann 
man an Seume gewiss so gut wie an Tellheim ablesen. Nur dass 
Seume die Ehre des Offiziers nicht so weit ab von der des Rau- 
bers, wie seine Zeitgenossen ihn in Rinaldo Rinaldini verehrten, 
gelegen hat, so dass er auf dem Spaziergang nach Syrakus gestehen 
kann: «Freunde, wenn ich ein Neapolitaner ware, ich ware in Ver- 
suchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und mit 
dem Minister anzufangen». Auf dieseni Spaziergang hat er die 
Nachwirkungen der ungliicklichen Beziehung zu der einzigen Frau 
Sberwunden, der er naher, nicht einmal nahe getreten ist und die 
an seine Stelle auf verletzende Weise den Mann berief, an welchen 
der folgende Brief gerichtet ist. Wie diese Ueberwindung sich voll- 
zog, erzahlt er gelegentlich der Beschreibung seines Aufstiegs auf 
den Pelegrino in der Nahe Palermos. Im Ausschreiten zog er, seinen 
Betrachtungen folgend, ein Amulett mit dem Bild der Frau hervor, 
von dem er sich durch all die Jahre nicht hatte trennen konnen. 
Wie er es aber zwischen den Fingern hielt, gewahrte er auf einmal, 
dass es zerbrochen war, und so warf er die Stiicke samt der Fassung 
in den Abgrund hinunter. Das ist das Motiv des gross- 

35 



artigen, wahrhaft taciteischen Epigraphs, das er an dieser Stelle 
seines Hauptwerks seiner Liebe errichtet hat: «Ehemals ware ich 
ihrem Bildchen nachgesprungen; auch jetzt noch dem Original!* 

JOHANN GOTTFRIED SEUME 

AN DEN GATTEN SEINER FRuHEREN 

VERLOBTEN 

Mein Herri 

Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift 
wird Ihnen sagen, dass wir einander nicht ganz fremd 
sind. Meine ehemaligen Verhaltnisse zu Ihrer Frau kon- 
nen, diirf en und miissen Ihnen nicht unbekannt eein. Sie 
wiirden vielleicht nicht iibel getan haben, meine Bekannt- 
schaft friiher gemacht zu haben; ich store Niemandes 
Gliick. Ob Madam gegen mich ganz gut gehandelt hat, 
kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als Sie; da 
wir Beide nicht gleichgiiltig sind. Ich vergebe ihr gern 
und wunsehe ihr Gliick; es war ja nie etwas Anderes der 
Wunsch meines Herzens. Einige meiner Freunde wollen 
mir Gliick wiinschen, dass die Sache so gekommen ist; sie 
iiberzeugen fast meinen Kopf ; aber mein Herz hlutet bei 
der Ueberzeugung. Da Sie mich nicht kennen, diirf en Sie 
fiber mich nicht urteilen. Ich bin weder Antonius noch 
Aesop, und Mademoiselle Roder muss doch vorziiglich 
den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als 
sie mir sehr teuere Versicherungen gab. Doch stille davon! 
Ee geziemt mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch 
weniger, Andere anzuklagen. Was die Leidenschaft tat, 
hat — die Leidenschaft getan. Ich bin nicht Ihr Freund, 
das leiden die Verhaltnisse nicht; da ich aber ein ehr- 
licher Mann bin, ist es fur Sie so gut, als ob ich es ware. 



36 



Sie selbst, meiii Herr, haben ibei der Sache als ein junger, 
nicht ganz ernsthafter Mann gehandelt. Ich wiinsche 
Ihnen Gliick; Sie haben das notig. Ihre Frau ist gut, ich 
habe sie tief beobachtet, und ich wiirde nicht imstande 
gewesen sein, mein Herz an eine Unwiirdige zu verlieren. 
Dass zwischen uns nichts Strafbares vorgefallen ist, dafiir 
muss Ihnen mein Charakter und meine jetzige Handlungs- 
weise biirgen, — Sie miissen ihr manchen Fehler vergeben 
und selbst keinen begehen. Es ist mir daran gelegen, dass 
Sie Beide gliicklich sind; das wird Ihnen begreiflich sein, 
wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen wissen und 
mich nicht fiir einen ganz gewohnliehen Menschen halten. 
Ich werde hochst wahrscheinlich unterrichtet sein, wie 
Sie leben, so weit man im allgemeinen unterrichtet sein 
kann, denn ich bin in Berlin, wo ich oft war, nicht ganz 
Fremdling. Ich kann nun einnial nicht wieder gleichgiiltig 
werden, das hatte Madam ehemals glauben und ihre 
Massregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste 
wiirde mir eein, wenn Sie je eine Ehe nach der Mode fiih- 
ren aollten. Ich bitte Sie bei Ihrem Gluck und bei dem 
Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem Gluck 
der Person, die uns teuer sein muss, nie — nie leichtsinnig 
zu sein, Sie sind Mann; von Ihnen hangt Alles ab. Wenn 
Wilhelmine je von ihrem Charakter sinken konnte, ich 
wiirde den meinigen furchterlich rachen. Verzeihen Sie 
und halten das nicht fiir Impertinenz. Sie miissen Zeiten 
und Menschen kennen. Furcht gibt Sicherheit. Ich werde 
mit meinem Willen Ihre Frau nie wieder sehen. Wenn Sie 
selbst Ihre Pflichten immer erfiillen, so fiihren Sie ihr 
immer in einer ernsthaiften Stunde mein Andenken wie- 
der zu. Es kann ihr heilsam werden und soil Ihnen nicht 
schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhaltnissen 



37 



nur Liebe oder Verachtung wohnen; ich kenne mich; 
die erste kann nur mit dem Stufenjahre Freundschaft 
werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor der 
zweiten: ihr Vorbote wiirde schrecklich sein. 

Ich kann aus der Seele des Weibes heraus lesen, was 
Madam jetzt iiber mich oder wohl auch wider mich sagen 
wird, und ich wiinsche aufrichtig, dass sie nie mit Reue 
an mich zu denken babe. E.s ist Ihr eigenes Interesse, mein 
Herr, da-fur mit bestandiger Aufmerksamkeit zu sorgen. 

Hochst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen 
Dieost leisten, so wenig als Sie mir bei meiner Denkungs- 
art. Sollten Sie aber je glauben, dass ich es konnte, eo hatte 
ich in mir Ursache genug, es mit Vergniigen und Eifer zu 
tun. Ich erwarte weder Antwort noch Dank ; sehen Sie nur 
das, was ich so kalt als moglich sagte, mit meiner Seele 
oder nur mit gehorigem Gleichmut an, und Sie werden 
alles sehr natiirlich finden. 

Ich versichere Sie herzlich meiner volligen Achtung, 
und es muss Ihnen daran gelegen sein, sie zu verdienen. 
Leben Sie wohl und gliicklich! Audi dieser Wunech geht 
ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmut 
geschieht, als der Mann fiihlen sollte. 

Grimma. Seume. 



Was Johann. Heinrich Voss im nachfolgenden Brief seinem 
Freunde Jean Paul mitteilt, fiihrt den Leser an die Quelle der 
deutschen Wiedergeburt von Shakespeare. Der Schreiber, der zweite 
Sohn des Homer-Uebersetscers Johann Heinrich Voss, war kein 
iiberragender Geist. «Ihm fehlte eine selbstandige, energisch auf 
das Ziel losdringende Natur. Die kindliche Liebe und Verehrung, 
die er fiir seinen Vater hegte, raubte ihm schliesslich jede geistige 
Unabhangigkeit. Wie sein Vater ihm als hochstes Vorbild gait, 
so fftgte er sich widerspruchslos seinen Ansehauungen und war 
zufrieden, wenn er mit matterer Stiinme die Meinungen des Alten 
nachsprechen, ihm die Beantwortung eines Briefes abnehmen oder 
bei seinen Studien dienend helfen konnte.» Die grosste Freude 
seines Lebens mag er gehabt haben, als es ihm gelungen war, den 
Vater, erst duldend, dann auch tatig, seiner Shakespeareiibersetzung 
zu gewinnen. — Wie es nun aber die Art der natiirlichen Quellen 
ist, dass sie aus den verlorensten Rinnsalen, aus namenloser 
Feuchte, aus kaum netzenden Wasseradern sich speisen, so auch 
die der geistigen. Die leben nicht nur von den grossen 
Leidenschaften, denen Same und Blut entquellen, noch weniger 
von den vielberufenen «Einfliissen», sondern auch vom Schweiss 
des miihsamen Alltags und den Tranen, die aus der Begeisterung 
fliessen: Tropfen, die sich dann bald im Strom verlieren. Der 
folgende Brief — ein einzigartiges Zeugnis fiir die Geschichte des 
deutschen Shakespeare — hat ihrer einige aufbehalten. 



JOHANN HEINRICH VOSS AN 

JEAN PAUL 

Heidelberg, 25. Dezember. 

Der heutige und gestrige Tag haben mich zuriickver- 
setzt in die friiheren Jahre der Kindheit, und ich kann 
nocli gar nicht heraus. Ich weiss noch, mit welcher Ehr- 



39 



furcht ich des Christkindes gedaehte, das ich mir als einen 
violetten kleinen Engel mit rotgoldenen Fliigeln vor- 
stellte, aber seinen Namen wagte ich nicht auszuspreehen; 
bloss gegen meine Grossmutter konnte ichs, die mir noch 
ehrwiirdiger schien. Mehrere Tage vor dem Heiligen 
Abend war ich still in mich gekehrt, aber nie ungeduldig. 
Riickte aber die heilige Stunde heran, da wuchs die Un- 
geduld fast bis ram Zerspringen des Herzens. O wie viele 
Jahrhunderte vergingen, bis endlich die Glocke erschallte. 
— In spateren Jahren gewannen meine Weihnachtsfreu- 
den andere Gestalt, seitdem Stolberg in Eutin lebte, den 
ich ganz unaussprechlich liebte, in dessen Gegenwart zu 
eein, ich, der spielfrohe, jedem Kinderspiele vorzog, des- 
sen Handedruck mich bis ins innere Mark durchschauerte. 
Dieser Mann gab mir sehr friih Unterricht im Englischen, 
und als ich vierzehn Jahre alt war, forderte er, ich sollte 
Shakespeare lesen und mit dem Storm anfangen. Das ge- 
schah, etwa sechs Wochen vor Weihnachten, und am 
zweiten Weihnachtstage war ich bis an die Maske von 
Ceres und Juno gekommen.* Damals war ich sehr krank- 
lich. Meine Mutter hatte Stolberg gebeten, er mochte mich 
dann und wann auf Spazierfahrten mitnehmen. Das ge- 
schah an diesem Tage. Eben wollte ich anfangen, die 
Maske zu lesen, da hielt der Wagen und Stolberg rief mir 
freundlich zu: «Komm, lieber Heinrich». Und ich, wie 
ein Rasender, stiirzte ich hinaus in den Wagen hinein. 
Nun wogte und wiihlte es in meinem Herzen. Himmel, 
wie schwatzte ich dem armen Stolberg die Ohren voll von 
Shakespeare; und der freundliche Mann liess sich alles 
gefallen, und war imr froh, dass Shakespeare bei mir 
Feuer gefangen. Als wir zuriickfuhren, war meine einzige 



* Die Geiater, die Ariel fiir Ferdinand und Miranda beschwort. 



40 



Sorge, der Wagen mochte vor zwolf Uhr, unserer Essens- 
zeit, an unserer Tiir halten. Aber Gottlob ! eg schlug halb 
eins, als wir noch bei der Fissauer Briicke waren. Nun 
durfte ich bei Stolberg essen. Ich sass neben ihm, und 
weiss noch die Gerichte. Wie schmeckte mir nun der 
Shakespeare, als ich in der Dammerung zu ihm zuriick- 
kehrte. Seit der Zeit sind Shakespeares Sturm, Weihnach- 
ten und Stolberg in meiner Phantasie ununterscheidbar 
verschmolzen oder in eins gewachsen. Kommt der heilige 
Christ, so muss ich, durch innere Notwendigkeit getrieben, 
den Sturm lesen, wiewohl ich ihn auswendig weiss, und 
auf der Zauberinsel jedes Graschen und Halmchen kenne. 
Und das, Du theurer Jean Paul, soil heute Nachmittag 
vooa neuem geschehen. Fiele meine Todesstunde aufs 
Christfest, sie wiirde mich bei Shakespeares Sturm iiber- 
raschen. 



Unter den Holderlin'schen Briefen aus dem Jahrhundertanfang 
gibt es kaum einen, der nicht Satze entliielte, die hinter den blei- 
benden seiner Gedichte in nicbts zuriickstehen. Und doch ist nicht 
dieser anthologische Wert ihr hochster. Vielmehr ist es ibre einzig- 
artige Transparenz, dank deren die scblichten hingebenden 
Briefe den Blick ins Innere von Holderlins Werkstatt frei- 
geben. Die «Dichterwerkstatt» — selten mehr als eine abgenutzte 
Metapber — bier kommt die Wendung zu ibrem Sinn, indem es 
fiir Holderlin in jenen Jahren keine sprachliche Verricbtung, und 
sei es die alltagliche Korrespondenz, mehr gibt, der er nicbt mit 
der meisterhaften, prazisen Technik seiner spaten Dichtungen 
nachginge. Die Spannung, die so in seine Gelegenheitsschreiben 
kommt, riickt noch die unscheinbarsten Geschaftsbriefe, geschweige 
denn die Briefe an die Seinen, in die Nahe so ungewohnlicher Do- 
kumente, wie es die folgende Nachricht an Bohlendorf ist. Gasimir 
Ulrich Bohlendorf (1775 — 1825) war Kurlander. «Wir baben ein 
Schieksal» hat ibm Holderlin eiranal geschrieben. Das Wort be- 
stebt, sofern es das Verhaltnis betrifft, in das die aussere Welt zu 
einem enthusiastischen, verwundbaren Gemiit trat. So wenig im 
Dichterischen zwisehen beiden aueh nur die geringste Analogic 
obwaltet, — das Bild des unsteten, wandernden Holderlin, das der 
folgende Brief bewahrt, taucht scbmerzhaft vergrobert in dem 
Nachruf aiif, den ein lettisches Zeitungsblatt Bohlendorf widmete: 
«Gott hatte ibm eine besonders gute Begabung mitgegeben. Aber 
er wurde geisteskrank, und da er iiberall fiirchtete, dass die Men- 
schen ihm seine Freiheit nehmen wollten, wanderte er mehr als 
zwanzig Jabre umher, viele Male ganz Kur- und einige Male auch 
Livland zu Fuss durchquerend. Der verehrte Leser wird ihn, mit 
dem Biindel mit Biichern auf der Landstrasse wandernd, gesehen 
haben.» — Holderlins Brief nun ist ganzlich auf jene Worte ausge- 
richtet, welche die spaten Hymnen beherrschen: heimatliche und 
griechische Art, Erde und Himmel, Popularitat und Zufriedenheit. 
Auf scbroffen Hohen, wo der nackte Fels der Sprache schon iiber- 
all an Tag tritt, sind sie, trigonometrischen Signalen gleich, «die 



42 



hochste Art des Zeichens» und an ilinen vermisst der Dicliter die 
Lander, welche «die Herzens- und Nahrungsnot» ihm er- 
offnete als Provinzen des griechischen. Nicht des bluhenden 
idealen, sondern des verodeten wirklichen, dessen Leidensgemein- 
schaft mit dem abendlandischen und vor allem dem deutschen 
Volkstum das Geheimnis der historischen Wandlung, der Trans- 
substantiation des Griechentums ist, das von Holderlins Ietzten 
Hyranen den Gegenstand bildet. 



FRIEDRICH H5LDERLIN 
AN CASIMIR BoHLENDORF 

Niirtingen, den 2. Dezember 1802. 
Mein Teurer! 

Ich babe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in 
Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde 
gesehen; die Hiitten des stidlichen Frankreichs und ein- 
zelne Schonheiten, Manner und Frauen, die in der Angst 
des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen 
eind. Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels und 
die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur, und 
ihre Eingeschranktheit und Zufriedenheit, hat mich be- 
standig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, 
kann ich wohl sagen, dass mich Apollo geschlagen. 

In den Gegenden, die an die Vendee grenzen, hat mich 
das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Mannliche, 
dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und 
Gliedern und das im Todesgefiihle sich wie in einer Vir- 
tuositat ftihlt, und seinen Durst zu wissen, erfullt. Das 
Athletische der siidlichen Menschen, in den Ruinen des 
antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen 
der Grieehen bekannter; ich lernte ihre Natur und ihre 



43 



Welsh eit kennen, ihren Korper, die Art, wie sie in ihreni 
Klima wuchsen, und die Regel, womit sie den ubermiiti- 
gen Genius vor des Elements Gewalt behiiteten. Dies be- 
stimmte ihre Popularitat, ihre Art, fremde Naturen an- 
zunehmen und sich ilmen mitzuteilen. Darum baben sie 
ihx eigentiimlich Individuelles, das lebendig erscheint, 
sofern der hochste Verstand im griechischen Sinne Re- 
flexionskraft ist, und dies wird uns begreiflich, wenn wir 
den heroischen Korper der Griechen begreifen; sie ist 
Zartlichkeit, wie unsere Popularitat. 

Der Anblick der Antiken bat mir den Eindruck ge- 
geben, der mir nicht allein die Griechen verstandlicher 
macht, sondern iiberhaupt das Hochste der Kunst, die 
auch in der hochsten Bewegung und Phanomenalisierung 
der Begriffe und alles ernstlich Gemeinten dennoch alles 
stehend und fur sich selbst erhalt, so dass die Sicherheit 
in diesem Sinne die hochste Art des Zeichens ist. Es war 
mir notig nach manchen Erschiitterungen und Riihrun- 
gen der Seele mich f estzusetzen auf einige Zeit, und ich 
lebe indessen in meiner Vaterstadt. 

Die heimatliche Natur ergreift mich umso machtiger, 
je mehr ich sie studiere. Das Gewitter, nicht bios in seiner 
hochsten Erscheinung, sondern in eben dieser Ansieht, als 
Macht und als Gestalt, in den iibrigen Formen des Him- 
mels, das Licht in seinem Wirken, rationell und als Prin- 
?,ip und Schicksalsweise bildend, dass uns etwas heilig ist, 
sein Gang im Kommen und Gehen, das Charakteristische 
der Winder und das Zusammentreffen in einer Gegend 
\on verschiedenen Cbarakteren der Natur, dass alle hei- 
ligen Orte der Erde zusammen sind um einen Ort und das 
philosophische Licht um mein Fenster sind jetzit meine 
Freude; dass ich behalten moge, wie ich gekommen bin, 



44 



bis hieher! Mein Lieber! icli denke, dass wir die Dichter 
bis auf unsere Zeit nicht kommentieren werden, sondern 
dass die Sangart iiberhaupt wird einen anderen Charak- 
ter nehmen, und dass wir darum nicht aufkommen, weil 
wir, seit den Griechen, wiedsr anfangen, vaterlandisch 
und natiirlich, eigentlicb originell zu singen. 

Schreibe doch nur mir bald. Ich brauche Deine reinen 
Tone. Die Psyche unter Freunden, das Entstehen des Ge- 
dankens im Gesprach und Brief ist Kiinstlern notig. 
Sonst haben wir keinen fiir uns selbst, sondern er gehoret 
dem heiligen Bilde, das wir bilden. Lebe recht wohl! 

Dein H. 



45 



Im Februar 1803 schrieb Brentano an Arnim von einem kleinen, 
etwas faden Brief der Mereau und seiner Antwort darauf aus vollem, 
wahrem Herzen: «Ohne Schonung fur mich und sie, wie ein geist- 
reicher Dritter, alles mit den scharfsinnigsten Nuancen ausgefiihrt, 
ihre Geschichte in dreierlei Gestalt, voll Mutwill, wahr bis zur Zote, 
Erklarang meines grossen Lustens, sie zu beschlafen, Trauer iiber 
ihr Alter und ihre unendlich schlechten Verse, iiberhaupt der freiste, 
kiihnste und gliicklichste Brief, den ich je geschrieben, und der 
langste, er schloss mit einigen briinstigen Handwerksburschen- 
Liedern». Und dann, vier Jahre spater: «Sophie, die mehr zu leben 
verdiente als ich, die die Sonne liebte und Gott, ist schon lange 
tot. Blumen und Gras wachsen iiber ihr und dem Kinde, welches 
getotet durcb sie sie totete. Blumen und Gras sind sehr traurig fiir 
mich!» Dies Eintritts- und Ausgangspforte des kleinen Irrgartens 
von Clemens Brentanos Ehe mit dem Standbild des ersten Sohnes 
in seiner Mitte. Archim Ariel Tyll Brentano nannten die Eltern 
ihn — Namen, die keine. Anweisung auf die irdiscbe Existenz, son- 
dern Fliigel sind, auf denen das Neugeborene bald wieder heim- 
kehrte. Als mit dem ungliicklichen Erscheinen des zweiten Kindes 
nun das Ende gekommen 'war, schien mit dem Tode der Frau, an 
deren Seite Brentano das Leben gar nicht leicht ertragen hatte, 
alles iiber ihm zusammenzubrechen. Er sah sich grenzenlos ver- 
einsamt, und die Wirren, in die das Land nach der Niederlage von 
Jena und Auerstadt verfiel, raubten ihm selbst den Vertrautesten : 
Arnim, der dem Konig nach Ostpreussen gefolgt war. Von da 
schrieb er, im Mai 1807, ein halbes Jahr nach Sophiens Tod, an 
Brentano: «Ich setze oft an, Dir so vieles zu schreiben, was ich 
auf dem Heraen habe. Aber die Idee, dass ich umsonst schreibe, 
dass meine Worte von Andern gelesen werden, verleidet es mir 
gleich. Es ist noch ein Umstand, der, mir zweifelhaft, wie ein schnell- 
geschwungenes scharfes Schwert alles zwischen uns bewegt. Es 
sollte mir wehe tun, wenn es wahr ware, und ich Dir etwas trau- 
riges zuriickriefe. Der verstorbene brave Doktor Schlosser, der 
Jenenser, sagte mir etwas von dem Tode Deiner Frau, den er he- 



46 



hauptete in einer Zeitung gelesen zu haben. Wir sind hier von 
allem abgesdhnitten, ich mochte sagen, von der Zeit; doch hatte 
ich eine Zuversicht und behalte sie, Deine Frau miisse leben.» Aus 
diesen Worten ist zu entnehmen, dass die Bitte des ergreifenden 
Briefs, der hier folgt, umsonst war. Er ist, soviel sich nach genauen 
Ermittlungen feststellen liess, ungedruckt und daher diplomatisch 
getreu wiedergegeben. 



CLEMENS BRENTANO 

AN DEN BUCHHANDLER REIMERS 

Verehrter Herr! 

Legen Sie diese Zeilen nicht bei Seite, erkundigen Sie 
sich und melden Sie mir, wo Ludwig Achim von Arnim 
ist, dessen Freundschaft fiir mich Ihnen bekannt ist, er ist 
mir ausser Sophien, die ich auf eine bo traurige Art nebst 
dem Kinde in schwerer Geburt verlor, immer alles gewe- 
sen, was ich liebte, seit dem 19. Oktober weiss ich nichts 
von ihm, und vom 19. Oktober selbst nur, dass er diesen 
Tag in Halle war, mein mit Schmerz ganz vergiftetes Ge- 
miith hat mit Ihm auch Alles aus dem Gesichte verlohren, 
wass ans Leben kniipfen konnte; Sie sind mir durch ihn 
selbst, als ein trefflicher Mann bekannt, und Sie sollen 
glauben, dass ich ganz unendlich ungliicklich bin, ja so 
(im) Jammer, dass ich durch ihn durchwandlen kann, 
wie durch eine Holle, die unendlich ist, und Sie sollen 
mir daher bald, gleich, oder nur sobald, als es ihre gute 
Gesinnung Sie zu thun zwingt, melden, wo Arnim wahr- 
scheinlich ist, und ob man ihm schreiben kann, ob ihm 
jemand von Berlin schreibt, Sie konnen das gewiss erfah- 
ren, und es ist Ihnen dann so sehr leicht, mir durch eine 
Nachricht davon in wenigen Zeilen, wenigstens den Nah- 



47 



men einer Stadt zu nennen, wohin ich denken kann, ach 
so wie mir jetzt ist, da ich schwebe mitten in tiefem Gram, 
ist es mir unendlich viel, in dieser Endlichkeit, nur zu 
wissen, ob jemand noch lebt, der mich liebte. 

Wenn Sie mir schreiben, so melden Sie mir auch, wie 
viel Sie an Meine Frau fiir die Fiametta schon bezahlt 
haben, und wass Sie noch bekommt, auch wenn Sie es 
gern bezahlen, so will ich Ihnen zu jener Zeit melden, an 
wen Sie es in dortiger Gegend bezahlen konnen, dieses 
Geld gehort meiner kleinen Stief tochter, die hier bei Mad. 
Rudolphi erzogen wird, und ich muss daher es besorgen, 
dieses bloss zu bescheidener Erinnerung. 

Ihr ergebener 

Clemens Brentano. 
Heidelberg, 19. Dec. 1806. 



48 



«Ritter ist Hitter und wir sind nur Knappen. Selbst Baader ist 
nur sein Dichter», schreibt Novalis am 29. Jamiar 1799 an Caroline 
Schlegel. Was Ritter und Novalis miteinander verband, ist von der 
Art, dass dies Wort mehr enthalt als eine Rangbestimmung von 
Ritters Tatigkeit fiir die Romantisierung der Naturwissenschaften; 
es zielt zugleich auf die mensehliche Haltung, die wohl bei keinein 
Romantiker vornehmer und gegenwartsfremder zugleich war. Im 
Grunde haben beide, menschlicher Rang und wissenschaftliche Hal- 
tung des Physikers, bei Ritter sich aufs innigste durchdrungen, 
wie es in dem Selbstzeugnis sich bekundet, in welchem er den grei- 
sen Herder zum Urahnen seiner Forschung gemacht hat: Herder, 
den man als Schriftsteller haufig habe treffen konnen, «besonders 
in der Woche ; als Menschen aber, weit iiber alle seine Werke er- 
haben, habe man ihn Sonntags finden konnen, wo er, seinem 
Schopfer folgend, ruhte und den Tag im Schosse seiner Familie 
verbrachte; nur «Fremde durften dann nicht bei ihm sein. Gleich 
herrlich und gbttlich sei er erschienen, wenn er. was er sehr liebte, 
an einem schonen Sommertage eine landliche Gegend, zum Beispiel 
das sehone Waldchen an der Ilm zwischen Weimar und Belvedere, 
besuchte, wohin dann aber ausser seiner Familie ihm nur folgen 
durfte, wen er ausdriicklich einlud. An solchen Tagen dann, den 
einen oder andern, sei er wirklich wie ein Gott erschienen, der von 
seinen Werken rube, nur doch als Mensch, die seinigen nicht, son- 
dern die des Gottes selbst erhebend und preisend. Mit Recht dann 
habe iiber ihm der Himmel zum Dome sich gewolbt, und selbst des 
Ziminers starre Decke habe nachgegeben; aber der Priester darin 
sei nicht aus diesem Land noch dieser Zeit gewesen; Zoroasters 
Wort stand auf in ihm, und stromte Andacht, Leben, Friede und 
Freude in die ganze Umgebung; so ward in keiner Kirclie Gott ge- 
dient, wie Mer, — wo sich erwies, dass nicht das Volk, sondern der 
Priester, sie fiille. Hier — wiederholte N. unzahlige Male — hier 
habe er gelernt, was die Natur, der Mensch in ihr, und eigentliclie 
Physik, seien, und wie die letztere Religion unmittelbar*. Der N., 
von dem hier die Rede ist, ist Ritter selbst, wie er in seiner ebenso 

49 



rfickhaltlosen wie keuschen, schwerfalligen wie abgriindigen Natur 
in der Vorrede der «Fragmente eines jungen Physikers^ (Heidel- 
berg 1810) sich dargestellt hat. Der unverweehselbare Ton dieses 
Mannes, der diese verschollene Vorrede zur bedeutendsten Bekennt- 
nisprosa der deutschen Romantik macbt, findet sich auch in sei- 
nen Briefen, von denen nicht viele sich scheinen erhalten zu haben. 
Der folgende ist an den Philosophen Franz von Baader gerichtet, 
der wahrend seiner zeitvweilig einflussreichen Stellung in Miin- 
chen etwas fiir den schwer kampfenden Jiingeren zu tun unternahm. 
Und gewiss war es nicht leicht, fiir einen Mann zu wirken, der von 
seinen. «Fragmenten3> sagen durfte, dass es bei ihnen «schon von 
selbst ehrlicher gemeint sein musste, als es so leicht geraeint ist, 
wenn man bloss fiir das Publikum, also offentlich, arbeitet. Denn 
so stent eigentlich niemand zu, als, wenn es erlaubt ist, ihn zu 
nennen, der liebe Gott, oder, ist's anstandiger, die Natur. Andere 
<Zuschauer»' haben noch nirgends viel getaugt, und auch ich habe 
mit vielen andern empfunden, dass es Werke und Gegenstande 
gibt, die nicht gelungener ausgefiihrt werden, als wenn man tut, 
als schreibe man fiir gar niemand, auch nicht einmal fiir sich selber, 
sondern eben fiir den Gegenstand selbst.» Ein schriiftstellerisches 
Credo dieser Art hat schon damals seinen Bekenner in Not ge- 
bracht. Aber er fiihlte nicht sie allein, sondern, wie der folgende 
Brief erweist, auch das Recht, sich auszusprechen, das sie verleiht 
und die Kraft dazu: amor fati. 



JOHANN WILHELM RITTER AN 
FRANZ VON BAADER 

Den 4. Januar 1808. 

Fiir Ihr Schreiben von voriger Woche sage ich Ihnen 
den verbindlichsten Dank. Sie wissen ein fiir allemal, dass 
ich Erinnerungen, wie es enthalt, immer am liebsten von 
Ihnen erhalte. Hier kommen sie mir wie im eigenen Ge» 
miit entstanden vor, und ich behandle sie auch so. 



50 



Mit nichts belegen Sie besser, dass Sie mich kennen, 
als wenn Sie das alles, worin Sie mich unmassig schelten 
mussen, doch noch Studien ,neimen. Ich habe vielleicht 
fast alles erlebt, was man bis zu meinen Jahren erleben 
kann; vieles habe ich nie gesucht, aber dagegen oft auch 
absichtlich mich nicht zuriickgehalten, dies und jenes ge- 
schehen lassen. Ich suohte wahrscheinlich in alien nur das 
Eine Bleibende, ohne was kein ehrlicher Mensch sein 
kann, nur dass ich um so vorbereiteter dazu kommen 
wollte, je verwickelter ich es — mir — seit der friihesten 
Beskmung voraussah. Auch halte ich es von grosserem 
Lohn, «gelebt» als bloss gewusst zu haben. 

Was Sie von Zulassung ausserer Ueberreizungen sa- 
gen, gehort ram Teile auch dahin; ich will keineswegs 
sagen ganz. Es konnen wenige nach dem, was ich sehe, die 
natiirliche Geschichte des mannlichen Lehens ernstlicher, 
tiefer, ehrlicher vor Gott, und eich selbst eingiestehender, 
begonnen und fortgesetzt haben als ich. Suchen Sie in 
dieser Aeusserung nichts weniger als Eigendiinkel, son- 
dern blosaes Resultat aus einer nicht ganz beschrankten 
Beobachtung, erlaubt, es auszusprechen, wo es notig ist. — 
Uebrigens sehe ich das Ganze so als notwendigen Teil 
in das Fatum meines Streberts verwebt, dass ich ihn noch 
dazu als den vornehmsten, den im Geheimen Basis ge- 
benden betrachten muss. Ob unter aolchen Umstanden 
ich hier unmassig werden und gewesen sein konne, will 
ich selbst zwar nicht entscheiden, schwer zu glauben wird 
es mir. 

Nach Allem habe ich somit wohl Grund, die letzte 
Ursache meiner Kranklichkeit, die erst seit einigen Jahren 
angefahgen hat, tiefer zu suchen. Ich glaube sie ausserst 
leicht angeben und treffen zu konnen. Kummer und Sor- 



51 



gen. sind es; meine okonomischen Verhaltnisse driicken 
mich. Das hat trotz alles Gegenstrebens, endlich auch den 
Korper getroffen. Sobald sich hierfiir erne radikale Kur- 
methode entdeckt, sobald auch werde ich durchgangig 
geheilt sein. — Wie ich zu meinen Schulden gekommen, 
davon weiss ich die Rechenschaft und die Rechtfertigung 
wohl, aber sie lasst sich nicht jedem. geben. Gliicklich, 
dass ich selbst sie mir geben kann. Sie verstehen mich 
hier gewiss. Es gibt Dinge, die um keinen Preis zu teuer 
sind; es gibt ein Gut, um dessenwillen man selbst Men- 
schen, dem Scheme nach, betriigen kann. Ich sage aus- 
driicklich: dem Scheine nach. Der Betrug ist gar nicht 
holier als der des Kaufmanns, der fiir eine gewiss durcli- 
gehende Spekulation von mehr Kredit Gebrauch macht, 
als ihm sonst zukame. 

In praktischen Arbeiten war ich auch gehindert, da 
man hier bekanntlich noch gar nicht weiss, was man sich 
dergleichen muss kosten lassen. Wieviele schone Arbeiten 
liegen entworfen da! Aber mit 100, auch 300 £1. sind sie 
noch nicht auszufiihren, die Gulden aber selbst schon 
Summen, vor denen man an einem Orte erschrickt, an 
welchem nie ein wissensehaftliches Corps und ein Esprit 
desselben gedeihen kann. 

Was unter solcben Umstanden kann mir aus Vor- 
lesungen, jetzt, fiir irgend ein echter Nutzen entstehen! 
Ich weiss, dass ich Zuhorer haben wiirde, wie Sie und 
Schelling, und vielleicht ein Dritter noch, und mit Freu- 
den wollte ich sehen, ob ich nicht alles liegen lassen 
konnte, wareii Sie allein diese meine Zuhorer. Aber Sie 
allein werden das nicht sein; gerade was ohne Frage den 
Ausschlag geben soil, ist eine grosse Anzahl anderer Per- 
sonen, die nicht sind, wie sie die genannten Drei ; sage ich 



52 



denen, was Sie verstehen, so verstehen sie wieder nichts, 
«nd spreche ich, dass diese es verstehen, so wird mir Angst, 
Sie nur im Zimmer zu sehen, etwas, das ich schon aus 
mehreren Anwandlungen kenne. Was iibrig bleibt, ist im- 
mer ein Mosses «seine Kunste «ehen lassen». 

Aber es ist Zeit, dass ich schliesse. Verzeihen Sie den 
langen Brief. Es kam mir diesmal das Schreiben schick- 
licher vor als das Sprechen, zumal Sie wie ich verhindert 
waren, Gelegenheit zum letzteren zu gehen. 



53 



Es war im Leben Goetb.es eines der folgenreichsten Ereignisse, 
dass es den Briidern Boisseree mit unvermutbarem Gliick gelang, 
das Interesse des 62jahrigen noch einmal dem Mittelalter zu ge- 
winnen, aus dessen Entdeckung die Strassburger Manifeste «von 
deutscher Art und Kunst» entsprungen waren. In den Weimarer 
Maitagen, in welche der folgende Brief fallt, ist — so darf man 
vermuten — die Vollendbarkeit des zweiten Teils des Faust ent- 
schieden worden. Der Brief ist aber nicht nur ein literarhistorisches 
Dokument ersten Ranges als Zeugnis, mit welchem Bangen das 
ausserordentliche Experiment, den katholischen Bilderkreis dem 
Blick des alten Goethe zu unterbreiten, unternommen wurde — er 
zeigt zugleich, wie sehr die Existenz dieses Mannes ordnend und 
richtunggebend noch in fernliegende Bezirke hineinwirkte. Dass 
dies hier nicht feierlich, sondern vielmehr trotz der Souveranitat 
und Reserve, mit der der auswartige Freund Boisserees vorgeht, 
zum Ausdruck kommt, ist vielleicht das Schonste an diesen Zeilen, 



BERTRAM AN SULPIZ BOISSEREE 

Heidelberg, den 11. Mai 1811. 

Dein Gliick bei Goethe, so preislich Du es auch in 
den brillantesten Ziigen herausstreichst, kommt mir nicht 
unerwartet, Du. weisst, wie ich in Hinsicht der ausseren 
Vertraglichkeit liber den alten Herrn denke; doch ge- 
falle Dir nur nicht zu eehr in der vornehm gelehrten 
Rolle, die Du angenommen hast, und bedenke, wie in al- 
ien menschlichen Dingen, das Ende. Wenn Du nur 
Schwarz auf Weiss Dir herausreden kannst, erst dann will 
ich Dich nach alien Kraften riihmen und preisen. Seit 
das Kantische Prinzip der Zweckmassigkeit ohne Zweck 



54 



wieder aus der Mode gekommen, finde ich das rein asthe- 
iische Wohlgef alien uberall in diesem interessierten Zeit- 
alter malplaciert, und denke im Gegensatz des Evange- 
liums: gebt una nur erst alles Andere, das Himmelreich 
wollen wir schon selbst zu finden trachten. Indessen ist 
es denn doeh kein kleiner Triumph f iir den Ernst und die 
Redlichkeit Deities Strebens, mit eineni so boch beriihm- 
ten und mit Recht verehrten Mann, urn dessen Beifall ge- 
wichtigere Manner wie Du, vergebens in Kunet und Wis- 
senschaft sich bemiiht haben, auf diesem Punkte geistiger 
Vertraulichkeit und Gemeinschaft zu stehen. Auch mochte 
ich Dich heimlich beschauen, Du warst gewise innerlich 
so gepudert, mit Stern und Ordensband geziert und echim- 
merst so sehr in fremdem und eigenem Lichte, dass Du 
in der Dunkelheit Deines Wirtsstubchens ganz transpa- 
rent erscbeinen musst. Wenn uns einmal etwas in der Welt 
gelingen sollte, liebes Kind, ohne Miibe und Anstrengung, 
in Lust und Freude haben wir es nicht errungen, unter 
driickenden biirgerlichen und hauslichen Verhaltnissen, 
im Widerstreit gegen langjahriges Vorurteil, gegen Apa- 
tbie und Unempfindlichkeit fiir das Hohere, von Leiden 
und Trubsalen aller Art bedrangt, haben wir unsern Weg 
im Stillen fortgesetzt, ohne andere Aufmunterung und 
Unterstiitzung, als die des innem besseren Bewusstseyns, 
und des treuea beharrlichen Sinnes, der durch den Nebel 
der Zeiten wohl getriibt, aber nicht erstickt und vernichtet 
werden kann, Wie denk' ich mit freudiger Erhebung zu- 
riick an die ersten Zeiten unserer Bekanntsehaft, die stil- 
len, bescheidenen Anfange Deiner Studien, wie oft habe 
ich in zweifelndem Gemiithe mit Ernst und Fleiss er- 
wogen, ob mir Pflicht und Liebe es geboten, Dich dem 
Wirkungskreis zu entreissen, in dem Dich Deine ganze 



55 



Umgebung zuruekzuhalten strebte; und was konnte ich 
Dir bieten zum Ersatz fur die Aufopferangen aller Art, 
zu denen Du Dich entschliessen musstest? ein f ernes dunk- 
les Zi-el, das nur nach langen miihseligen Anstrengungen 
und Kampfen zu erringen ist, wahrend Du fur die Gegen- 
wart allem entsagen solltest, was in der Jugend Bliithe 
und Kraft als des Lebens hochster Reiz gepriesen wird. 

Venn nun der hochberiihmte Mann der Zeit Deinem 
Unternelimen freundlieh Beifall zunickte, wenn die 
Menge Deine Arbeiten bewundernd angafft, und der Ruf 
Deinen Naraen dem Vaterlande von der Fremde ehren- 
voll zuriicktragt, so denke an jene einsamen Spazier- 
gange auf St. Severins und St. Gereons Wall, wo Ehr- 
furcht gebietend in den Resten alter Herrlichkeit, die 
Vaterstadt so still und schweigend vor uns lag, in deren 
oden Mauern ein in langjahriger Erschlaffung entartetes 
und nun durch den Druck der Zeiten vollends nieder- 
gebeugtes Geschleeht, uns audi nicht ein Wesen darbot, 
das an dem Zwecke unseres Strebens mit Liebe Theil ge- 
nommen hatte. Darum freue Dich des Gelingens Deiner 
Plane und gehe dem Ziele, das Du Dir vorgesteckt, mit 
freiem Muth entgegen. 

Wer des reinen guten Willens vor Gott und den Men- 
schen sich bewusst ist, den darf das widerstrebende Dran- 
gen und Treiben der Zeit so leioht nieht irre niachen; wer 
dem Dienste des Hochsten sein Denken und Thun geweiht 
bat, dem wird die Weisheit niclit f ehlen, die allein wahren 
Wert und Bestand hat, und aueh die Klugheit nicht, die 
den Geist der Welt zahmen und bezwingen kann. 

Ich falle, wie Du siehst, auf einen ernsthaften Text, 
Zeit und Umstande haben mir ihn aber auch jetz-t so nahe 
gelegt, wo Du im Begriffe stehst, die Resultate Deines 



56 



Streben der Welt offentHch darzulegen, und wo mir die 
momentane Stille einsamer Zuriickgezogenheit ram Nach- 
denken iiber Alles was imser gemeinsames Interesse be- 
riihrt, so niancherlei Veranlassung gibt. 



57 



Im Musee des arts decoratifs im Louvre gibt es ein kleines 
Nebengelass, wo Spielzeug ausgestellt ist. Das Hauptinteresse des 
Beschauers ziehen einige Puppenstuben aus dem Biedermeier auf 
sich. Von den schhnmernden BouleschrSnkchen bis zu den kunst- 
voll gezimmerten Sekretaren sind sie an jedem Tell das Gegen- 
stiick damaliger Patrizierwohnungen, und auf den Tischen diesef 
Raume liegt statt des «Globe» oder der «Revue des deux mondess- 
das «Magasin des poupees» oder «Le petit courier* in 64° 
beram. Dass es "Wandschniuck gibt, versteht sich von selbst. Aber 
nicht leicht ist einer darauf vorbereitet, in einem jener Stiibchen 
fiberm Canapee auf eine winzige, jedoch exakt gestochene Nach- 
bildung des Kolosseums zu stossen. Das Kolosseum in der Puppen- 
stube — das ist ein Anblick, der einem innigen Bediirfnis des 
Biedermeier muss entsprochen haben. Und es passt gut dazu, wie 
in dem folgenden Brief — gewiss einem der biedermeierlichsten, 
die man nur finden kann — die Olympier Shakespeare, Tiedge und 
Schiller unter sich unter das Blumenjoch einer Geburtstagsguirlande 
schmiegen. So grausam das Spiel, mit dem die «Briefe iiber die 
asthetische Erziehung» die Menschen zu freien Biirgern heranzu- 
bilden bestrebt waren, auf dem historischen Schauplatz gestort wur- 
de, so sicher fand es sein Asyl in jenen Biirgerstuben, die einer 
Puppenstube so ahnlich sehen konnten. Ch. A. H. Clodius, der 
diesen erstaunlichen Brief schrieb, war Professor fiir «praktische 
Philosophic* in Halle. Das Lottchen ist 6eine Frau. 



CH. A. H. CLODIUS 

AN ELISA VON DER RECKE 

d. 2. Dezbr. 1811. 

Wie sehr grosse Seelen oft durch einen einzigen Ge- 
danken des Wohlwollens auf entfemte Kreise ihrer 
Freunde und Verehrer wirken, davon, himmlische Eliea, 



58 



habesn wir den schonsten, wahrhaft entziickenden Beweis 
gestem gehabt. Die Aufstellung Ihrer wohl angekomme- 
nen kolossalen Biisten, mit denen Sie Lotten giitig be- 
schenkten, unter einer kleinen Musik an Lottens Geburts- 
tage war ein wahrer Gottesdienst fur uns, und noch heute 
sitzen wir unter den mit Epheu umhangenen, mit selten- 
sten Bhimen umringten Biisten, wie die alten Griecben 
und Romer unter ihren Hausgottern in den kleinen Haus- 
capellen gesessen haben mogen! — Alles vereinigte sich, 
sowohl Dekorazion als Cantate sehr zauberisch zu machen. 
Unsre kleine Hiitte war um so mehr ein Elysium, je an- 
spruchsloser alles sich darstellte. 

Durch einen gliicklichen Zufall hatte ich schon 
vorher, ebe Ihre Biisten ankamen, die schone Biiste 
Schillers fiir Lotte bestellt, welche sie so sebr gewiinscht 
hatte. Durch eben diesen gliicklichen Zufall hatte die 
Freigebigkeit unserer Freunde Lottehens kleines roman- 
tisches Zimmerchen nach der AUee heraus durch 
Orangebaume, bliihende Aloe, Narzissen, Rosen, alaba- 
sterne Vasen zu eineni Tempel Florens und der Kunst so 
decoriert, dass es wiirdig war, die fremden Gaste aus dem 
Olymp zu empfangen. Unter der (schon vorbandenen) 
Console Shakespeares war auf einer Art Blumentrager 
in der Mitte zwischen Ihrer und Schillers Biiste unsres 
Tiedge Bild auf gestellt, welches als das leiehteste in dietser 
Bustenform am besten von der hohen Herme getragen 
werden konnte. Sonst hatten freilich die mannlichen Ge- 
nien den weiblichen Genius in die Mitte nehmen oder die 
minder colossale Biiste von Schiller in der Mitte zwischen 
den beiden colossalen stehen miissen. Von Tiedges Herme 
gingen Ranken von Epheu zu zwei runden Pfeilertisch- 
chenu, auf welchen Elisa und Schiller hervorragten. In 



59 



diesem Kleeblatt von weissen Gestalten truug ein kleiner 
Tisch die herriichsten B lumen empor, denen man die 
Jahreszeit nicht anmexkte, und zu dessen Fiissen waren 
die verkleideten Lichter angebracht, welche von unten 
einen concentrierten Zauberschein auf die weissen colos- 
salen Kopfe warfen, welche aus den griinen Biischen her- 
vorragten. Ein Stehspiegel in der Ecke des Zimmers, eine 
Spiegeltiir aus einem antikgearbeiteten Secretair von 
Lottchen gaben die drei weissen Gestalten von neuem zu- 
riick, sodass die Bilder beinahe dreifach erschienen. Wie 
wir das Zimmerchen offneten und dies kleine Heiligtlhum 
erscbien, lief die ganz ttnvorbereitete auf das ihr so innig 
theure Bild der Mutter und des Freundes zu, mit lautem 
Ausruf der Freude. Es ward ihr ein Stuhl vor den kleinen 
decorierten zauberischen Schauplatz hingesetzt, und als- 
dann begann von vier herrlichen Stimmen das Geister- 
chor aus dem angranzenden Zimmer hinter Lottchens 
Stuhl : Willkommen in dem neuen Leben ! 

Lottens Empfindung wird sie Ihnen, herrliche Elisa, 
eelbst beschreiben und ilhren Dank, so viel sie kann, aus- 
driicken. Mit ihr vereinigt sich der meinige, und herz- 
liche Griisse an unsern verehrangswiirdigen Tiedge. Moge 
der Himmel, edle Elisa, durch ruhige krankheitslose Stun- 
den die vielen Freuden Lohnen, die Sie auch in der Feme 
unserer Lotte, uns zaubern ! Venn wir die wirklieh herr- 
liche Musik Ihnen schicken diirfen, die so viel reizendes, 
romantisches, inniges und doch zugleieh erhabenes hat, 
werde ich sie abschreiben lassen. Mit inniger unausge- 
setzter Dankbarkeit fund kindlicher Liebe bin ich 
Ihr 

Sie treu verehrender Sohn 

C. A, H. Clodius, 



60 



Das ist der Brief einer Zweiundzwanzigjahrigen und, erst an zwei- 
ter Stelle sei es gesagt, ein Brief der Annette von Droste-Hiillshoff. 
Die Batschaft aus dem Dasein einer jungen Frau, die frei von 
allem Ueberschwange des Gefiihls mit Entschiedenheit, fast mit 
Strenge ausspricht, was mangels gleichen Sprachvermogens stets 
unbestimmt und weich erscheinen muss, ist kostbarer als die Nach- 
richt aus dem Leben der Diehterin. Dieser Brief ist einzig auch 
unter den Schatzen der grossen Korrespondentin, die Annette von 
Droste war. Wovon er redet, das sind Dinge, die jedem naheriieken, 
der einmal in spaten Jahren ohne Vorbereitung auf einen Schmuck, 
auf einen Erker, auf ein Bueh, auf irgend etwas Unverandertes, das 
ihm als Kind vertraut war, gestossen ist. Und von neuem wird er 
die Sehnsucht nach dem Vergessenen spiiren, das da Tag und Nacht 
in ihm bereit liegt, Sehnsucht, die weniger ein Zuriickrufen jener 
Kinderstunden als ein Echo von ihnen ist. Denn sie war ja der 
Stoff, aus dem sie gemacht waren. — Dieser Brief ist aber auch 
der Vorlaufer einer Poesie «voll korniger Dinglichkeit und voll 
wohligen oder muffeligen Geruchs aus alten Schubladen». "Weni- 
ges bezeichnet sie in ihrer Eigenart so wie ein kleiner VorfalL der 
sich in spaten Jahren beim Grafen Thurn auf Schloss Berg zutrug. 
Da wollte man der Diehterin eine Freude mit dem Geschenk eines 
elfenbeinernen Kastchens machen, das man sorgfaltig von allerlei 
Kram leerte, um es dem Gast sodann, nachdem man seinen Deckel 
wieder zugeschlagen, zu uberreiehen. Die Beschenkte, ungeduldig, 
es von neuem often zu sehen, ungeschickt, es zu offnen, presste es 
swischen ihren HSnden; da sprang — kaum dass sie es beriihrt 
hatte — ein geheimes Fach, von dem niemand all die Jahrzehnte, 
da das Kastchen in der Familie gewesen war, je gewusst hatte, mit 
einem Mai auf und zum Vorschein kamen zwei zauberische alte 
Miniaturbilder. Denn Annette von Droste war eine Sammlernatur, 
eine seltsame freilich, in deren Stube neben Steinen und Broschen 
noch Wolken und Vogelschreie ihren Platz fanden, und in der 
darum das Magische und das Spinose dieser Leidenschaft mit un- 
erhorter Heftigkeit sich durch drill gen. «Sie ist», hat Gundolf mit 

61 



tiefem Blick fiir das Verhexte und Gesegnete dieser westfalischen 
Jungfer gesagt, «eine innere Zeitgenossin der Roswitha von Gan- 
deraheim und der Grafin Ida Hahn-Hahn.s> — Der Brief ist ver- 
mutlich nach Breslau gegangen, wo Anton Matthias Sprickmann 
— ehemals Poet im Kreise des Hainbunds, dann Professor in 
Minister und Mentor des jungen Madchens — seit 1814 lebte. 



ANNETTE VON DROSTE-HCLSHOFF 
AN ANTON MATTHIAS SPRICKMANN 

Hulshoff, 8. 2. 1819. 

O mein Sprickmann, ich weiss nicht, wo ich anfangen 
soil, urn Ihnen nicht lacherlich zu erscheinen; derin 
lacherlich ist das, was ich Ihnen sagen will, wirklich. Da- 
riiber kann ich mich selber nicht tauschen, ich muss niich 
einer dummen und seltsamen Sohwache vor Ihnen ankla- 
gen, die mir wirklich manche Stunde verbittert; aber 
lachen Sie nicht, ich bitte Sie;|nein, nein, Sprickmann, 
eg ist wirklich kein Spass. Sie wissen, dass ich eigentlich 
keine Torin bin; ich habe mein wunderliches, verriicktes 
Ungliick nicht aus Biichern und Romanen geholt, wie ein 
jeder glauben wiirde. Aber niemand M^eiss es, Sie wissen 
es ganz allein, und ©s ist durch keine ausseren Umstande 
in mich hineingebracht, es hat immer in mir gelegen. Wie 
ich noch ganz klein war (ich war gewiss erst vier oder 
fiinf Jahr'; denn ich hatte einen Traum, worin ich sieben 
Jahr' zu sein meinte und xnir wie eine grosse Person vor- 
kam), da kames mir vor, als ging ich mit meinen Eltern, 
Geschwistern und zwei Bekannten spazieren, in einem 
Garten, der gar nicht schon war, sondern nur ein Gemiise- 
garten mit einer geraden Allee mitten durch, in der wir 
immer hinaufgingen. Nachher wurde es wie ein Wald, 



62 



aber die Allee mittendurch blieb, und wir gingen immer 
voran. Das war der ganze Traum, und doch war icli den 
ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass 
ich nicht in der Allee war und auch nie hineinkommen 
konnte. Ebenso erinnere ich mich, dass, wie meine Mutter 
uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Ber- 
gen und den uns damals noch unbekannten Grosseltern 
erzahlte, ich eine solche Sehnsucht danach fiihlte, dags, 
wie sie einige Tage nachher zufallig bei Tische ihre Eltern 
nannte, ioh in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so dass 
ich musste fortgebracht werden; dies war auch vor mei- 
nem siebenten Jahr; denn als ich sieben Jahre alt war, 
lernte ich meine Grosseltern kennen. Ich schreibe Ihnen 
diese unbedeutenden Dinge nur, nm Sie zu uberzeugen, 
dass dieser ungliickeelige Hang zu alien Orten, wo ich 
nicht bin, und alien Dingen, die ich nicht habe, durchaus 
in mir selbst liegt und durch keine ausseren Dinge hinein- 
gebracht ist; auf die Weise werde ich Ihnen nicht ganz so 
lacherlich scheinen, mein lieber, nachsichtsvoller Freund. 
Ich denke, eine Narrheit, die una der liebe Gott aufgelegt 
hat, ist doch immer nicht so schlimm wie eine, die wir uns 
aelbst zugezogen haben. Seit einigen Jahren hat dieser Zu- 
stand aber so zugenommen, dass ich es wirklich fiir eine 
grosse Plage rechnen kann. Ein einziges Wort ist hinrei- 
chend, mich den ganzen Tag zu verstimmen, und leider 
hat meine Phantasie soviel Steckenpferde, dass eigentlich 
kein Tag hingeht, ohne dass eines von ihnen auf eine 
schmerzlich siisse Weise aufgeregt wiirde. Ach mein lie- 
ber, lieber Vater, das Herz wird mir so leicht, wie ich an 
Sie schreibe und denke, haben Sie Geduld und lassen Sie 
mich mein torichtes Herz ganz vor Ihnen aufdecken, eher 
wird mir nicht wohl. Entfernte Lander, grosse interessante 



63 



Menschen, von denen ich habe reden hdren, entfernte 
Kunstwerke und dergleichen mehr, haben alle diese trau- 
rige Gewalt iiber mich. Ich bin keinen Augenbliek mit 
meinen Gedanken zu Hause, wo es mir doch so sehr wohl 
geht; und selbst wenn tagelang das Gesprach auf keinen 
von diesen Gegenstanden fallt, seh' ich sie in jedem 
Augenblick, wo ich nicht gezwungen bin, meine Aufmerk- 
samkeit angestrengt auf etwas anderes zu richten, vor mir 
voriiberziehen, und oft mit so lebhaften an Wirklichkeit 
grenzenden Farben und Gestalten, dass mir fiir meinen 
armen Verstand bange wird. Ein Zeitungsartikel, ein noch 
so schlecht geschriebenes Buch, was von diesen Dingen 
handelt, ist imstande, mir die Tranen in die Augen zu 
treiben; und weiss gar jemand aus der Erfahrung zu er- 
zahlen, hat er diese Lander bereist, diese Kunstwerke ge- 
sehen, diese Menschen gekannt, an denen mein Verlangen 
hangt, und weiss er gar auf eine angenehme und begei- 
sterte Art davon zu reden, o ! mein Freund, dann ist meine 
Rube und mein Gleichgewicht immer auf langere Zeit zer- 
stort, ich kann dann mehrere Wochen an gar nichts mehr 
anderes denken, und wenn ich allein bin, besonders des 
Nachts, wo ich immer einige Stunden wach bin, so kann 
ich weinen wie ein Kind und dabei gliihen und rasen, wie 
es kaum fiir einen imgliicklich Liebenden passen wiirde. 
Meine Lieblingsgegenden sind Spanien, Italien, China, 
Amerika, Afrika, dahingegen die Schweiz und Otaheite, 
diese Paradiese, auf mich wenig Eindruck machen. !¥a- 
rum? das weiss ich nicht; ich habe doch davon viel gelesen 
und viel erzahlen horen, aber sie wohnen nun mal nicht 
so lebendig in mir. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich 
mich oft sogar nach Schauspielen sehne, die ich habe auf- 
fiihren sehen, und oft nach eben denjenigen, wobei ich 



64 



mich am meisten gelangweilt habe, nach Biichern, die ich 
fruherhin gelesen und die mir oft gar nicht gefallen ha- 
ben . . . habe ich z. B. in meinem vierzehnten Jahre einen 
sehleehten Roman gelesen, den Titel weiss ich nicht 
mehr, aber es kani von einem Turme darin vor, woriiber 
ein Strom stiirzt, und vorn am Titelblatt war besagter 
abenteuerlicher Turin in Kupfer gestochen; das Buch 
hatte ich langst vergessen, aber seit langerer Zeit arbeitet 
es sich aus meinem Gedachtnis hervor, und nicht die Ge- 
schichte, nooh etwa die Zeit, in der ich es las, sondern 
wirklich und ernsthaft das schabige verzeichnete Kupfer, 
worauf nichts zu sehen ist wie der Turm, wird mir zu 
einem wunderlichen Zauberbild, und ich sehne mich oft 
recht lebhaft danach, es einmal wiederzusehen : wenn 
das nicht Tollheit ist, so gibt's doch keine, da ich zudem 
das Reisen doch gar nicht vertrage, da ich mich, wenn ich 
einmal eine Woche von Hause bin, ebenso ungestiim da- 
hin zuriicksehne, und da auch wirklich dort alles meinen 
Wiin8chen zuvorkommt. Sagen Sie! was soil ich von mir 
selbst denken? und was soil ich anfangen, um meinen Un- 
einn los zu werden? Mein Sprickmann, ich fiirchtete meine 
eigene Weichheit, wie ich anfing, Ihnen meine Schwache 
zu zeigen, und statt dessen bin ich iiber dem Schreiben 
ganz mutig geworden; mich diinkt, heute wollte ich mei- 
nen Feind wohl bestehen, wenn er auch einen Anfall 
wagen sollte. Sie konnen auch nicht denken, wie gliieklich 
iibrigens meine aussere Lage jetzt ist; ich besitze die 
Liebe meiner Eltern, Geschwister und Verwandten in 
einem Grade, den ich nicht verdiene, ich werde, besonders 
seit ich vor dreieinhalb Jahren so krank war, mit einer 
Zartlichkeit und Nachsioht behandelt, dass ich wohl 
eigensinnig und verwohnt werden konnte, wenn ich mich 



65 



nicht selbst davor fiirchtete und sorgfaltig hiitete. Wir 
haben jetzt eine Schwester meiner Mutter Ludowine bei 
uns, edn gutes, stilles, verstandiges Madchen, deren Um- 
gang mir sehr wert ist, besonders wegen ihrer klaren und 
richtigen Ansicbt der Dinge, womit sie oft, ohne es zu ahn.- 
den, meinen armen verwirrten Kopf wieder zu Verstande 
bringt. Werner Haxthausen lebt in K61n, und mein alte- 
eter Bruder, Werner, kommt in einigen Wochen zu ihm. 
Leben Sie wohl und verges-sen Sie nicht, wie begierig ich 
auf Antwort warte. 

Ihre Nette. 



66 



Es gibt wenige deutsche Prosaiker, deren Kunst so ungebrochen 
in die Briefstellerei eingeht wie die von Gorres. Wie die Meister- 
schaft eines Handwerkers, der seine Werkstatt neben der Wohn- 
stube hatte, memals im Werk allein, sondern gleichzeitig im pri- 
vaten Lebensraume des Mannes und seiner Familie sich auspragte, 
so ist es bei Gorres mit der Schreibkunst der Fall. Wenn die 
friihromantische Ironie Friedrich Schlegels — siehe die «Lucinde» 
— esoterischer Art und bestimmt ist, eine kiihle Aura um das 
reine, sich selbst genugsame «Werk» zu legen, sehlagt die spat- 
romantische eines Gbrres die Briicke zum Biedermeier. Die Ironie 
beginnt, sich von der Artistik zu losen, um sich der Innigkeit und 
Schlichtheit zu verbinden. Dem Geschlecht, welchem Gorres an- 
gehorte, ging die Reminiszenz der gotischen Biirgerstube mit ihren 
Knospentiirmchen und Bogengangen an Stuhl und Truhe wirklich 
tief in den Alltag ein, und wenn sie uns in den Gemalden der 
Nazarener bisweilen gekunstelt und kalt erscheint, so gewinnt sie 
desto mehr Warme und Kraft in den intimeren Bereichen. Der 
folgende Brief spiegelt sehr schon den Uebergang der idealisch aus- 
gespannten Romantik ins beschauliche Biedermeier. 



JOSEPH GoRRES AN DEN STADT- 
PFARRER ALOYS VOCK IN AARAU 

Strassburg, 26. Juni 1822. 

Ich muss wieder einmal mein Antlitz gegen das Aartal 
wenden und eehen, was tneine freien Biindler iiber dem 
Jura machen. Ich setze daher sofort gleich den linken 
Fuss an den alten Salzturm bei Basel, dann gar nicht weit 
ausnehmend den rechten, unsern guten Fricktalern damit 
iiber die Nase fahrend, oben auf den Sattel an der Scharte 
und sehe nun hinunter und finde gleich die holzeme 



67 



Briicke, auf der man am hellen Tage nicht sieht, an die 
man unter drei Franken Strafe, die Halfte fiir den Arbeit- 
geber, sein Wasser nicht abschlagen darf, natiirlich urn 
das schone griine Bergwasser unten nicht zu verderben, 
sehe ich links die alte Zwingburg, der en Mauern die tap fe- 
ren Arauer zwolften Geschlechts abwarts iiberschritten, 
dahinter die Wohnung, wo ehemals Prof. Gorres eeinen 
patriotischen Phantasien nachgebangen, endlich ganz 
links am Ende, um nicht mehr irre zu gehen, im vorletz- 
ten Hause, meinen liebwertesten Herrn Pfarrer etwas zer- 
streut auf der Gallerie hinten auf und nieder gehen, bis- 
weilen nach der Scharte sehen und seinen Augen nicht 
recht trauen, ob der Heruntersehende wirklich der Herr 
Schreibende ist, und ob er aus dem Brief e heraussieht, 
oder der Brief aus ihm, und ob seine Gedanken auf dem 
Berge stehen oder der Berg in seinen Gedanken. Das sind 
nun eben die kuriosen Falle, wie sie im Leben vorkom- 
men, und wenn der Pfarrer mich wirklich anredet und 
mich ernsthaft fragt, ob ich denn wirklich der selbige 
Herr Gorres sei, der bekanntermassen zehn Monat in des 
Biirgermeisters Haus gewohnt und im Garten auf und ab 
trottiert, so kann ich mit gutem Gewissen nicht ja sagen, 
da der leibliche Ueberrock, den ich vor acht Monaten von 
da mitgenonimen, wirklich ganz abgetragen und zerrissen 
ist; und doch audi ohne rot zu werden, nicht recht nein, 
da ich mich wirklich zu erinnern glaube, dass das frag- 
liche Subjekt wirklich da herumspaziert. Da gebe ich 
ihm denn kurzweg in der Verwirrung die Hand und fiihle 
nun gleich, wie's steht, und dass ich bei alten Freunden 
und Bekannten bin. 

Um nun auf die albernen Reden audi ernsthafte Dis- 
kurse zu fiihren, so will ich Ihnen sagen, wie dieser mein 



68 



Brief hinter grossen Wettern herzieht, die viel Menschen 
bier das Leben gekostet und ganz nahe audi meine Frau 
und Sophie auf dem Wasser getroffen hatten. Das sind 
furchtbare Stiirme in diesem Jahre, die sieh iiber die Ge- 
birge nach Norden hin verirrt. Marie meint, Sie wiirden 
nun seit vier Wochen audi kein Feuer mehr im Ofen 
haben, obgleich inimer noch Morgen und Abend etwas 
kiihlich spitze Finger machen mochten ; ich sage ihr aber, 
man brauche sie ja eben nic^t herauszustrecken und eie 
vielmehr, wie sich's denn auch ohnehin schickt, bei sich 
behalten. 

Viel hundert Vogel, die eben auf der grossen Kasta- 
nie vor meinem Fenster ihr Schlaflied singen, lassen Ihre 
Zeiserlein auch aufs schonste griissen. 



69 



In der Friihromantik war es ein dichtes Netz nicht gedanklicher 
Beziehungen allein, sondern personlicher, das von den Naturwissen- 
schaftem sich zu den Dichtern hiniiberspann. Verbindende Geister 
wie Windischmann, Ritter, Ennemoser und verbindende Vorstellun- 
gen wie die Brown'sche Reiztheorie, der Mesmerismus, die Chlad- 
ni'schen Klangfiguren hielten das naturphilosophische Interesse 
auf beiden Seiten ununterbrochen wach. Je weiter aber das Jahr- 
hundert vorriickte, desto mehr lockerten sich diese Beziehungen, 
um endlich in der Spatromantik den seltsamsten, gespanntesten 
Ausdruck in der Freundschaft zwischen Liebig und Platen zu fin- 
den. Das Kennzeichnende, von alteren Bindungen ahnlicher Art 
ganzlich sich Unterscheidende, ist die Ausschiiesslichkeit, mit der 
sie — von alien iibrigen Verbindungen abgesondert ■ — auf die bei- 
den Partner allein gestellt ist: den neunzehnjahrigen Studenten der 
Chemie und den sieben Jahre Aelteren, der an der gleichen Uni- 
versitat Erlangen seinen orientalischen Interessen nachging. Die 
gemeinsame Studienzeit freilich war kurz; im Friihjahr des Jahres 
1822 schon, das sie zueinander gefiihrt hatte, musste Liebig sich 
vor den Demagogenverfolgungen nach Paris in Sicherheit bringen. 
Das war der Beginn eines Briefwechsels, der ausgespannt iiber den 
drei Pfeilern der gemeinsam verlebten Monate, schwankerid, vibrie- 
rend den Abgrund der Jahre, welche folgten, iiberbruckte. Un- 
endlich schwierig ist Platen als Korrespondent gewesen: die Sonette, 
Ghaselen an Freunde, wie sie auch diesen Briefwechsel von Zeit 
zu Zeit unterbrechen, scheint er gewissermassen zu verstecken oder 
zu erkaufen durch unablassige Vorwiirfe, Ausfalle, Drohungen. Um 
so gewinnender das Entgegenkommen des geliebten und schonen 
Jungeren, der in Platens Welt so weit eingeht, ihm als Naturforscher 
(konnte er sich zu solcher Tatigkeit entschliessen) eine grossere 
Zukunft als Goethen zu prophezeien oder auch, Platen zur Freude, 
seine Briefe mit arabisehen Schriftzeichen zu signieren, wie diesen 
folgenden. Abgefasst ist er zwei Monate vor der entscheidenden 
Wendung in Liebigs Leben, auf die er selber in seiner Widmung 
der «Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologies 



70 



zuriickweist. «Zu Ende der Sitzung vom 28. Juli 1823», so wendet 
er sich an Alexander von Humboldt, «rait dem Zusammenpacken 
meiner Apparate beschaftigt, naherte sich mir aus der Reihe der 
Mitglieder der Akademie ein Mann und kniipfte mit mir eine 
Unterhaltung an; mit der gewinnendsten Freundlichkeit wusste er 
den Gegenstand meiner Studien und alle meine Beschaftigungen 
und Plane von mir zu erfahren; wir trennten uns, ohne dass ich 
aus Unwissenheit und Scheu zu fragen wagte, wessen Giite an mir 
teilgenommen habe. Diese Unterhaltung ist der Grundstein meiner 
Zukunft gewesen, ich hatte den fur meine ■wissenschaftlichen Zwecke 
inach tigs ten und liebevollsten Freund und Gonner gewonnen.» Den 
Zeiten, in denen zwei grosse Deutsche in den Raumen einer franzo- 
sischen Akademie Bekanntschaft miteinander schliessen konnten, 
ist Liebig auch weiterhin, zumal im Jahre 1870, treu geblieben, da 
er in einer Rede vor der Bayrischen Akademie der Wissenschaften 
dem Chauvinismus entgegengetreten ist. So reprasentierte er in der 
Friihzeit wie im Alter jene Forschergeneration, der Philosophie 
und Dichtung noch nicht ganz aus dem Blickkreis verschwunden 
waren, wenn sie auch nur mehr winkend und hinter Nebeln, wie im 
folgenden Briefe, herubergeistern. 



JUSTUS LIEBIG 
AN GRAF AUGUST VON PLATEN 

Paris, den 16. Mai 1823. 
Liebster Freund! 

Meinen letzten Brief hast Du jetzt sicher in Handen 
und erwartest mit diesem Brief mein Bild, das ich Dir zu 
senden versprach. es ist nicht meine Schuld, dass dieses 
nicht gleich geschieht, isondern die Schuld des Kiinstlers, 
der es his jetzt noch nicht beendigt hat; allein soil mich 
dieses abhalten, mit Dir ein wenig zu plaudern? 

Es ist eine ausgemachte Sache, dass Witterung, die 
Temperatjur und andern aussern Zufalligkeiten einen ent- 



71 



echiedenen Einfluss auf das Denken, und deswegen auch 
auf das Brief schreiben haben; der Mensch unterliegt dic- 
sem Einflusse trotz seines gebietenden Ichs, er hat dieses 
mit dem hygrometrischen Herd gemein, das sich verlan- 
gern oder verkiirzern muss, wenn Feuchtigkeit in seiner 
Umgebung sich befindet oder nicht. Sicher ist bei mir 
jetzt em solches ausseres Agens im Spiel, das mir das 
Schreiben an Dich zum Bediirfnis macht, da ich mich ja 
im andern Falle mit idem Denken oder mit dem Gedanken 
an Dich hatte begniigen konnen, doch glaube deswegen 
noch nicht, dass vielleicht ein naher Komet Schuld daran 
eei, derm die Magnetnadel oscilliert noch wie zuvor, auch 
ist die Hitze nicht ausserordentlicher als wie sie gewohn- 
lich urn diese Zeit in dem Pariser Klima ist; Biots Vor- 
lesung iiber die Zerlegung und Klassifizierung der Tone 
kann dieses auch nicht hervorgebracht haben, und doch 
wiinschte ich, dass ich die Harmonika spielen konnte, ich 
wiirde jetzt spielen, und Du wiirdest vielleicht die Tone 
horen, die Dir sagen konnten, wie sehr herzlich ich Dich 
liebe. Gay Lussac, der Entdecker der Gesetze, welchen 
die Gase unterworfen sind, hat in eeinen Vorlesungen 
noch weniger Anlass dazu gegeben, und doch wiinschte 
ich ein Gas zu sein, das sich ins Unendliche ausdehnen 
konnte, ich wiirde mich im Augenblicke mit dem End- 
lichen begniigen, und wiirde mich nur bis Erlangen ex- 
pandiren und Dich dorten als Atmosphare umgeben, und 
gibt es die Gase, die beim atmen todlich, andere, die lieb- 
liche Bilder erischeinen machen, so wiirde ich vielleicht 
ein Gas sein, das die Lust zum Briefschreiben und Freude 
und Lust am Leben erwecken konnte. Beutang kann mit 
seiner Mineralogie noch weniger dieses Bediirfnis hervor- 
bringen, da er mir alle Hoffnung abschneidet, jemals den 



72 



Stein der Weisen, ( der sich als Stein doch in der Minera- 
logie finden miisste) zu erhalten, und doch wiinschte ich 
ihn, weil er mich in den Stand eetzen wiirde, Dich so gliick- 
lich als moglich zu machen, und mich fahig machen 
wiirde, mit Dir arabische und persische Ratsel zu losen, 
was ich ohne diesen Wunderstein nie erlernen werde. 1st 
es vielleicht la Place mit seiner Astronomic ? Dieser kann 
es auch nicht sein, er zeigt mir bloss den Meridian, in 
welchem Du lebst, ohne mir Deine gliicklichen Sterne zu 
zeigen. Ebensowenig konnen es Cuviers Entdecktmgen in 
der Natur sein, die mich zum Briefschreiben bewegten, 
denn der gute Mann hat trotz seinem Eifer noch nicht 
ein Tier, viel weniger einen Menschen finden konnen, der 
dem andern vollkommen gleich ist, er zeigt mir bloss, 
dass die Natur aus einer Leiter besteht, und lasst mich 
nur sehen, um wieviel Stufen ich noch unter Dir stehe. 
Oerstedt vielleicht, bei seinem Hiersein hat mit seinem 
Elektromagnetismus dieses Ratsel bewirkt? All ein auch 
dieser ist es nicht, denn er nimmt in seinem Galvanismus 
keine Pole an, und ich fiihle wohl, dass wir zwei Pole 
sind, die in ihrem Wesen unendlich verschieden, allein 
auch eben dieser Verschiedenheit halber sich anziehen 
miissen, denn Gleichartiges stosst sich ab. 

Du siehst liebster Platen, dass ich nichtg finde, was 
mir dieses Geheimnis aufklaren konnte, ich bitte Dich in 
D-einem nachsten Brief um den Schliissel. 

Dein Dich herzlich kiissender 

Liebig. 



73 



«Diese Blumen», so schreibt am 10. Dezember 1824 Jenny Von 
Droste-Hiilshoff, die Schwester der Annette, an Wilhelm Grimm, 
«sind aus meinem Garten, und ich habe sie fur Sie getrocknet.» 
Und: «Ich wiinsche Ihnen immer klaren Sonnenschein, wenn Sie 
in der Aue spazieren gehen wollen, und dass Ihnen dann keine 
lastigen Bekannten hegegnen, die Sie auf unangenehme Gedanken 
bringen und so die ganze Erholung fiir Sie verloren geht.» Sie hat 
auch noch zwei Bitten, «mochte namlich gerne wissen, wie gross 
das Schauspielhaus und Theater in Kassel ist». Die andere Bitte 
ist aber viel wichtiger. «Wenn ich», so schreibt sie, «meinen Schwa- 
nen die Fliigel stutze, was neulich noch an den beiden Jungen hat 
gesehehen miissen, so ist das immer eine so grosse und traurige 
Arbeit. Ich bitte Sie also, mal zu fragen, auf welche Art die Schwane 
in der Aue wohl behandelt werden. Es hat aber damit gar keine 
Eil, denn so bald kann ich do eh von Ihrem Unterricht noch keinen 
Gebrauch , machen. Die Schwane miissen Sie aber immer mit giin- 
stigen Augen ansehen und denken, Sie stiinden am Hiilshoffer 
Teiche und sahen die meinigen da schwimmen. Ich will Ihnen auch 
sagen, wie sie heissen: der schone Hans, Weissfiisschen, Langhals 
und Schneewitchen. Gef alien Ihnen die Namen wohl?» Alles das 
ist im folgenden Briefe beantwortet. Es ist jedoch nicht die Erledi- 
gung der Fragen in solcher Antwort, sondern die zarteste Verflech- 
tung mit ihnen, so dass dies Frag- und Antwortspiel zur Spiegehmg 
des langst vergangenen Liebesspiels zwischen den Schreibenden 
wird, das schwerlos in der Sprach- und Bilderwelt weiterlebt. Was 
ware Sentimentalitat, wenn nicht der erlahmende Fliigel des Fiih- 
lens, das sich irgendwo niederlasst, well es nicht weiterkann, und 
was also ihr Gegensatz, wenn nicht diese unermiidete Regung, die 
sich so weise aufspart, auf kein Erlebnis und Erinnern sich nieder- 
lasst, sondern schwebend eins nach dem andern streift: «0 Stern 
und Blume, Geist und Kleid / Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit> 



74 



WILHELM GRIMM 
AN JENNY VON DROSTE-HULSHOFF 

Cassel, 9ten Januar 1825. 

Liebes Fraulein Jenny! 

Ich danke Ihnen fiir die beiden Briefe, die ich von 
Ihnen erhalten habe, und fiir die freundschaftliche und 
wohlwollende Gesinnung, die daraus spricht: ich habe 
sie von Herzen gefiihlt und erkannt. Ich konnte daa viel- 
leicht noch besser und schoner ausdriieken, aber warum 
sollten Sie die Wahrheit davon nicht in den wenigen Wor- 
sen empfinden. Es ist nun schon lange, seit ich Sie zuerst 
gesehen habe, und viele Jahre sind jedesmal verflossen, 
ehe wir uns Ihrer Gegenwart wieder erfreuten, und doch 
ist mir jedesmal gleich vertraulich in Ihrer Nahe vorge- 
komnien, darum stelle ich mir auch nicht vor, dass Sie 
uns vergessen wiirden oder Ihr Andenken an uns in der 
Zeit verblassen konne. Es ist schon, wenn es Menschen 
gibt, an die man mit Vertrauen und Sicherheit zu alien 
Zeiten denken darf. Ich glaube, ich habe Ihnen schon 
einmal geschrieben, dass mir unser Leben oft wie ein 
Gang in einem unbekannten Lande vorkommt, denn un- 
gewiss ist ja alles, was uns begegnet. Der Himmel ist iiber- 
all in gleicher Nahe iiber uns und um uns, und ich ver- 
traue wie Sie, dass er mir wird begegnen lassen, was mir 
gut ist; gleichwohl sind unsere Fiisse an den Boden ge- 
fesselt, und wir empfinden es schmerzlich, wenn wir in 
diirrem und heissem Sand dahin sohreiten, und wir diirfen 
uns wohl nach den griinen Wiesen, Waldern, nach den 
Orten sehnen, die liebreiche Menschen angebaut haben. 
Dies wird Sie wieder an meine Erzahlung von meinen 



75 



Spaziergangen erinnern, auf welchen ich so ungern einem 
Gesicht begegne, dessen Ausdrack mich stort; denn ich 
kann es doch nicht lassen, die Menschen anzusehen. Diese 
vielleicht allzugrosse Empfindlichkeit mag auch daher 
kommen, dass ich seit vielen Jahren, eigentlieh so lange 
ich mich besinnen kann, allein spazieren gegangen bin- 
In friiheren Jahren musste ich es tun, weil ich wegen 
Kranklichkeit langsam ging, und iso ist es mir als Gewohn- 
heit geblieben; ich bin auf diese Art am liebsten mit mir 
selber allein, und es ersetzt mir die Einsamkeit, nach der 
ich mich manchmal, so gerne ich unter Menschen bin, und 
so wenig ich lange allein sein mochte, ausserordentlich 
eehne. Ich begreife Ihre Abneigung, die Sie manchmal 
gegen Gesellschaft hegen; es ist gewiss immer recht und 
gut, wenn man sie bezwingt, aber ich werf e mir doch auch 
die Artigkeit gegen Menschen vor, die mir gleichgultig 
sind. 

Ihre Blumen, die Sie uns geschickt haben, sind so 
echon, wie ich sie noch niemals in dieser Art gesehen 
habe. Sie dachten nur einen Sommer zu bliihen und Bind 
nun fiir so lange Zeit bewahrt, dass sie wohl einen Men- 
schen ausdauern und langer. Wie schnell das Leben ver- 
geht, mitten in der Beschaftigung und Arbeit fliegt mir 
die Zeit dahin. Vor einigen Tagen, am 4. Januar haben 
wir Jacobs Geburtstag gefeiert; glauben Sie wohl, dass er 
schon 40 Jahre alt ist? Manchmal ist er noch ganz wie 
ein Kind und ist auch ein so guter und edeldenkender 
Mensch, den ioh vor Ihnen einmal loben mochte, wenn 
sichs schickte. 

Sie hatten versprochen, die Cas-siopea, die ich Ihnen 
hier zeigte, zu behalten; ich will Sie noch mit einem 
Sternbild bekannt machen, welches man in dieser Zeit 



76 



sieht und daa schonste unter alien ist. Wenn Sie an einem 
Abend, etwa um 8, 9 Uhr zwischen Osten und Stiden ge- 
rade aufblicken wollen, ao wird es vor Ihnen stehen; es 
sieht so aus, wenigstens in meinen Gedanken : 

* 

* 

* 

-* 
Dae Ganze heisst Orion, die zwei grossen Sterne Rigel 
und Bellatrix, denn mit dem arabischen des dritten will 
ich Sie nicht qualen. Die sechs in der Mitte stehenden 
Sterne 

* 

hei&sen auch der Jacobsstab oder der Rechen, was Sie 
nun gar der Gartnerei wegen nicht vergessen diirf en. Nach 
Pfingsten versinkt es wieder im Westen und steigt im 
Herbst im Osten wieder auf. 

Das Theater hat 40 Fuss Breite, 43 Fuss Hohe und 155 
Fuss Tiefe. Hierin erhalten Sie die genaue Nachricht. 
Aber wie es mit den Schwanen gehalten wird, habe ich 
noch nicht erfahren konnen. Eigentlich glaube ich, man 
schneidet den Jungen die Fliigel gar nicht, wenn sie auch 
auffliegen, kommen sie doch zur Heimat wieder zuriick. 

Diesen Sommer ging ich einen Abend die Fulda hin- 
auf ; da hatte sich ein Schwan auf eine kleine Insel nie- 
dergelassen, sass da ganz stolz, dann liess er sich in die 
Flut hinab und zog ein paar Kreise; der ist gewiss aus 



77 



der Aue hierher geflogen, auch habe ich sie da einige 
Mai fliegen gesehen. Sonst brauchen Sie mir keine Zu- 
neigung zu diesen Tieren anzuempfehlen; ich habe eie 
immer gerne gehabt; das stille, ernste und ruhige und 
doch heitere, das geistige, — denn man denkt, Meer- 
schaum habe sich gebildet und belebt, — das begeisterte, 
das sie neben dem kiihlen und rahigen zu haben scheinen, 
gefallt mir immer von neuem. Am schonsten habe ich 
sie im Anfang des Dezember gesehen: ich ging, wie ich 
es gerne tue, bei einbrechender Nacht an einem von den 
lauen und milden Abenden hinab in die Aue zu dem Was- 
eer, weil ich das besonders gerne betrachtete. Mich er- 
freut immer das reine, leicht bewegliche Element. Die 
Trauerweiden hatten noch alle ihr Laub, nur war eg hell- 
gelb geworden, und die diinnen Zweige trieben sich mit 
sichtbarem Vergniigen in der Luft langsam hin und her. 
Im Osten leuchteten durch die Fichten und Tannen ein 
paar dunkelrote Streifen, wahrend die andern schon in 
tiefer Dammerung steckten. Nun schienen die Schwane 
erst recht lebendig zu werden, zogen auf dem Spiegel hin 
und her, ihr Weiss leuchtete durch die Dunkelheit, und 
sie sahen wirklich wie iibernaturliche Wesen aus, sodass 
ich mir die Nixen und Schwanenjungfrauen lebhaft vor- 
stellen konnte, bis es endlich finstere Nacht wurde. Die 
Namen von Ihren Schwanen gefallen mir, nur Weiss- 
fusschen ist mir ein Ratsel, oder soil er dadurch Be- 
scheidenheit lernen? Nennen Sie nun auch einen Wasser- 



nix 



Damit will ich diesen Brief an einem Sonntagmorgen 
schliessen, nur noch die herzlichsten Griisse von une alien 
miissen Sie annehmen, ehe sie ihn hinlegen. 

Wilhelm Grimm. 



78 



Den folgenden Brief hat der 75jahrige Zelter an den 78jahrigeii 
Goethe gerichtet, ehe er nach seiner Ankunft in Weimar dessen 
Schwelle betrat. Es ist oft bemerkt worden, dass in unserer Lite- 
ratur Glanz und Ruhm am meisten den Jiinglingen, den Beginnen- 
den und noch mehr den Friihvollendeten anhaften. Wie selten die 
Erscheinung des Mannlichen in ihr ist, bekraftigt jede neue Be- 
schaftigung mit Lessing. Vollends aus dem bekannten Raum der 
deutschen Bildungswelt ragt die Freundschaft heraus, in wel- 
cher zwei Greise in einem geradezu chinesischen Bewusstsein von 
der Wiirde des Alters und seiner Wiinschbarkeit die Neige ihrer 
Lebenstage einander mit den erstaunlichen Trinkspriichen zubrin- 
gen, die wir in Goethes Briefwechsel mit Zelter besitzen und von 
denen der folgende der vollkommenste sein diirfte. 



KARL FRIEDRICH ZELTER 
AN GOETHE 

Du bist im Mutterleibe der Natur so hubsch zu Hause 
und ich hore Dich so gerne reden von Urkrafiten, die von 
Geschlechtern der Menschen ungesebn dwrch das Uni- 
versum wirken, dass ich ein Gleiahes ahnde, ja Dich im 
Tiefsten zu verstehen meine und doch zu alt und viel 
zu weit zuriick bin, urn ein Stadium der Natur anzufangen. 

Komme ich nun auf einsanien Reisen iiber Hohen, 
Rergspitzen, durch Schluchten und Thaler, so werden 
mir Deine Worte zu Gedanken, die ich mein nennen 
mochte. Aber es fehlt an alien Orten und nur mein eigenes 
kleines Talent kann mich retten, dass ich nicht versinke. 

Da wir doch nun einmal zusammen sind wie wir sind, 
so dachte ich, Du liessest Dich herab, da ich Dich so gem 
verstehe, mir meinen Grundstein zu legen um mein inner- 



79 



etes Sehen zu f esten : wie Kunst und Natur, Geist und Kor- 
per liberal! zusammenhangen, ihre Trennung aber — 
Tod ist. 

So babe ich auch diesmal wieder, indem ich wie ein 
Zwirnfaden das Thiiringische Gebirge von Coburg bis 
bieber durcbzogen bin, schmerzhaft an den Werther ge- 
dacht: dass ich nicht iiberall mit Fingern der Gedanken 
was unter und neben mir ist, befuhlen, beschauen kann; 
was mir aber so natiirlich vorkommt als Korper und Seele 
Ein Wesen sind. 

Freilieh bat es unserer vieljahrigen Correspondent 
nicht an Materie gefehlt; Dti hast so redlich Theil genom- 
men am meinem Stiickwissen in musikalischen Dingen, wo 
wir Andern freilich nocb immer umherschwanken ; — 
wer hatte es uns denn sagen sollen? 

Aber ich mochte doch auch nicht gar zu bettelhaft 
gegen Andere vor Dir erscheinen. Nenne es Stolz — die- 
ser Stolz ware meine Lust. Von Jugend an habe mich 
hingezogen, hingezwungen gefiihlt zu denen die mehr, 
die das Beste wissen und mutig, ja lustig mich bekampft 
und ertragen, was mir an ihnen missfiel — ich wusste 
wohl was ich wollte, wenn ich auch nicht weiss, was ich 
erfuhr. Du warst der Einzige, der mich trug und tragt, ich 
konnte von mir selber lassen, nur nicht von Dir. 

Sage mir, zu welcher Stunde ich zu Dir komme; ich 
erwarte vorher unsern Doctor, weiss aber nicht, wann er 
kommen kann. 

Weimar, Dienstag den 16. Octbr. 1827. 

Z. 



80 



Dem historischen Riickblick enthalt der folgende Brief mehr als 
eine Todesnachricht, und sei es die ganz Deutschland erschiittern- 
de vom Hinscheide Kegels. Er ist ein Treugelobnis an seiner Bahre, 
dessen Folgen die, die es ablegten, damals nicht ahnten. Strauss 
und Maerklin, die sich in diesem Briefe so eng verbunden zeigen, 
gehorten dem gleichen Jahrgang der Klosterschule Blaubeuren an, 
auf der sie miteinander Freundschaft geschlossen hatten, und zwar 
der sogenannten «Geniepromotion». So wenigstens nannte man 
diesen Jahrgang spater auf dem Tubinger Stift, in welches, 1825, 
Strauss und Maerklin als Studenten der Theologie hiniibertraten. 
Unter den iibrigen Figuren, die der Gruppe zu dem glanzvollen 
Namen verhalfen, hat heute freilich nur noch Friedrich Theodor 
Vischer ein Gesicht. In der schonen gemachlichen Biographie, 
die Strauss dem Adressaten nach dessen friihem Tod — er starb 
mit 42 Jahren 1848 — gewidmet hat, stellt er anmutig das Bild des 
heruhmten Stifts bin, das im Laufe der Zeit «soviele bauliche Ver* 
wandlung erfahren, dass es kein klosterliches, ja kaum mehr ein 
altertumliehes Ansehen hat. Mit der Hauptseite gegen Siiden ge- 
wendet, sonnig und luftig, die hoheren Stockwerke mit entziicken- 
der Aussicht auf die dunkelblaue Mauer der schwabischen Alp, 
welche uber dem theatraliseh auseinandertretenden Vordergrunde 
des Steinlaohtales sich als Hintergrund erhebt, ist das ganze Ge- 
baude, die beiden Horsale und den Speisesaal ausgenommen, in 
Arbeits- und Schlafzimruer fur je 6 bis 10 Bewohner in der Art ab- 
geteilt, dass, ahnlich wie in Blaubeuren, allemal zwischen zwei Stu- 
dierzimmern der Zoglinge ein Repetentencabinett sich befindet,» 
Wenn Strauss spater das Stift verliess, urn die unmittelbare Aus- 
einandersetzung mit den Gedanken zu suchen, die von Berlin aus 
damals Deutschland bewegten, so waren die beiden Freunde doch 
1833 von neuem als Repetenten im Stift vereinigt und zwei Jahre 
spater erschien dann das «Leben Jesu», das nicht nur fur seinen 
Verfasser Strauss, sondern auch fur Maerklin Ursprung lang an- 
dauernder Kampfe wurde, in denen die Theologie der Junghege- 
lianer sich bildete. Ausgangspunkt der Hegelstudien fiir beide war 



81 



die <rPhanomenologie». «Hegel, welcher einst mit Maerklins Vater 
zu gleicher Zeit in das Tiibinger Stift eingetreten war, hatte lange 
in seiner schwabischen Heimat nur geringe Beachtung gefunden. 
Nun erwuchs ihra auf einmal in dem Sohne Maerklins und dessen 
Freundeskreis ein Hauflein von begeisterten Anhangern; nur zogen 
sie in theologischen Dingen die Konsequenzen jenes Systems viel 
kiihner als der Meister selbst.» Im «Leben Jesu» fiihren diese Kon- 
sequenzen zu einer Synthese der supranaturalistischen und der ra- 
tionalen Auslegung des Neuen Testaments, dergestalt, dass, um mit 
Strauss zu reden- «als Subjekt der Pradikate, welche die Kirche 
Christo beilegt, statt eines Individuums eine Idee, aber eine reale, 
nicbt kantisch unwirklicbe gesetzt wird. In einem Individuum, 
einem Gottmenschen, gedacht, widersprechen sich die Eigensehaften 
und Funktionen, welche die Kirehe Christo zuschribt: in der Idee 
der Gattung stimmen sie zusammen.» Das waren Perspektiven der 
Hegelschen Lehre, die, so keimhaft sie im Jahre 1831 noch ver- 
schlossen lagen, die konventionelle Erbaulichkeit einer Totenfeier 
nicht gerade beforderten. Und es war nieht allein der werdende 
Verfasser des Lebens Jesu, der bei dieser Bestattung den Missklang 
empfand, in dem eine umstiirzende und unvorhergesehene Art des 
Fortlebens sich ankiindigte. «Das Entsetzen», schreibt sehr ver- 
mittelnd J. E. Erdmann, gleichfalls ein Hegelianer, «dariiber, dass 
er, den man noch eben frisch und munter gesehen hatte, dahin- 
gerafft war, muss als ein Entschuldigungsgrund fiir manches an 
seinem Grabe gesprochene Wort gelten. Er war zu gross gewesen, 
als dass die Kleinen, denen er Halt gab, nicht ausser Fassung und 
Haltung hatten kommen sollen.» 

DAVID FRIEDRICH STRAUSS AN 
CHRISTIAN MAERKLIN 

Berlin, den 15. November 1831. 

An wen, geliebtester Freund! soil ich es schreiben, 
dass Hegel tot ist, als an Dich, dessen ich auch am mei- 
sten gedachte, so lange ich den Lebenden horen und sehen 
konnte ? Zwar die Zeitungen meld en es Dir wohl, ehe Dich 



82 



mein Brief erreicht; aber auch von mir sollst imd musst 
Du es horen. Ich hoffte, Dir Erfreulichexes von Berlin aus 
schreiben zu konnen! Denke Dir, wie ich. es erfuhr. Ich 
hatte Schleiermacher nicht treffen konnen, bis diesen 
Morgen. Da fragte er natiiriich, ob mich die Cholera nicht 
abgesehreckt habe zu kommen, worauf ich erwiderte, dase 
ja die Nachrichten immer beruhigender geworden, und sie 
jetzt wirklich fast zu Ende seL J a, sagte er, aber sie hat 
noch ein grosses Opfer gefordert — Professor Hegel ist 
gestern Abend an der Cholera gestorben. Denke Dir diesen 
Eindruck! Der grosse Schleiermacher er war mir in die- 
eem Augenblick unbedeutend, weun ich ihn an diesem 
Verluste maB. Unsere Unterhaltung war zu Ende, und 
ich entfernte mich eilig. Mein erster Gedanke war: nun 
reisest du ab, was tust du ohne Hegel in Berlin? Bald 
aber besann ich mich und bleibe nun. Hergereist bin ich 
einmal, — auf eine weitere Reise komme ich nicht mehr, 
und hier ist Hegel zwar gestorben, aber nicht ausgestor- 
feen. Ich freue mich, dass ich den grossen Meister noch 
gehort und gesehen habe vor seinem Ende. Ich horte beide 
Vorlesungen bei ihm: iiber Geschichte der Philosophic 
und Rechtsphilosophie. Sein Vortrag gab, wenn man von 
alien Aeusserlichkeiten absieht, den Eindruck des reinen 
P iirsichseins, das sich des Seins fiir Andere nicht bewusst 
war, d. h. es war weit mehr ein lautes Sinnen, als eine 
an Zuhorer gerichtete Rede. Daher nur die halblaute 
Stimme, die unvollendeten Satze, wie sie so augenblick- 
lich in Gedanken aufsteigen mogen. Zugleich aber war es 
edn Nachdenken, wie man wohl an einem nicht ganz un- 
gestorten Orte dazu kommen mag, es bewegte sich in den 
bequemsten, konkretesten Form en und Beispielen, die 
nur durch die Verbindung und den Zusammenhang, in 



83 



welchem sie standen, hohere Bedeutung erhalten. Am 
Freitag hatte er beide Vorlesungen noch gehalten; Sams- 
tag und Sonntag fielen sie oh.neh.in weg; am Montag war 
angeschlagen, dass Hegel wegen plotzlicher Krankheit 
seine Vorlesungen aussetzen miisse, aber am Donneratag 
ihre Fortsetzung anzeigen zu konnen hoffe, aber noeh 
an eben dem Montag war ihm das Ziel gesetzt. Vorigen 
Donnerstag besucbte ich ihn. Wie ich ihm Namen und 
Geburtsort nannte, sagte er gleich: ah, ein Wiirttember- 
ger! und bezeugte eine berzliche Freude. Er fragte mich 
xiach allerlei Wurttembergischen Verhaltnissen, in wel- 
chen er noch mit ehrlicher Anhanglichkeit lebte, z. B. 
nach KLlostern, nach dem Verhaltnis von Alt- und Neu- 
Wiirttembergern und dergl. IJber Tubingen sagte er, er 
hore, dass daselbst iible und zum Teil gehassige Vorstel- 
lungen iiber seine Philosophic herrschen; es treffe auch 
bier zu, sagte er lachelnd, dass ein Prophet nichts gilt in 
seinem Vaterlande. Von dem wissenschaftlichen Geiste 
in Tiibingen hatte er die eigene Vorstellung, es werde da 
zusammengetragen, was dieser und was jener von einer 
Sache halte, da habe der das dariiber gesagt, ein anderer 
jenes, auch lasse sieh das noch sagen u. s. f . Es iet dies 
wohl fiir unsere Zeit nicht mehr ganz richtig iiber Tii- 
bingen — der gesunde Menschenverstand und das ortho- 
doxe System sind positivere Mittelpunkte seiner Theologie 
und Philosophie. Nach Deinem Vater erkundigte sich 
Hegel mit vieler Teilnahme, die Erwahnung Maulbronns 
brachte ihn darauf, er sagte, dass er mit ihm durch's 
Gymnasium und die Universitat gegangen. Er wusste ihn 
noch in Neuenstadt; als ich sagte, dass er nun Pralat in 
Heilbronn sei, sagte der alte Wiirttemberger : so, jetzt 
i&t auch in Heilbronn ein Pralat? — Wenn man Hegeln 



84 



auf dem Katheder sah und horte, so gab er sich so un- 
endlich alt, gebiickt, hustend usw., dass ich ihn 10 Jahre 
jiinger fand, als ich auf's Zimmer zu ihm kam. Graue 
Haare allerdings, bedeckt von jener Miitze, wie sie das 
Bild bei Binder zeigte, bleiches, aber nicht verfallenes 
Gesicht, helle, blaue Augen und besonders zeigten sich 
beim Lacheln noch die schonsten weissen Zahne, was 
einen sehr angenehmen Eindruck machte. Er gab sich 
ganz als einen guten alten Herrn, wie ich bei ihm war, und 
sagte am Ende, ich solle ofters bei ihm einsprechen, er 
wolle mich dann auch mit seiner Frau bekannt machen. 
— Nun Morgen Mittag um 3 Uhr wird er begraben. Die 
Bestiirzung ist ungemein auf der Universitat ; Henning, 
Marheineke, selbst Ritter lesen gar nicht, Michelet kam 
fast weinend auf den Katheder. Mein Stundenplan ist nun 
ganz zerrissen; ich weiss nicht, ob nicht vielleicht jemand 
die Hefte der zwei angefangenen Kollegien abzulesen un- 
ternehmen wird. Sonst hore ich bei Schleiermacher die 
Enzyklopadie, bei Marheineke den Einfluss der neuen 
Philosophic auf die Theologie, und jetzt, da Hegels Vor- 
lesung wegfallt, kann ich auch noch die Geschichte der 
kirchlichen Dogma bei ihm horen, welche er zu gleicher 
Stunde mit Hegel las. Bei Henning hore ich Logik, bei 
Michelet Enzyklopadie der philosophischen Wissenschaf- 
ten. Schleiermacher ist, weil er extemporiert, nicht leicht 
nachzuschreiben — er hat mich iiberhaupt bis jetzt — 
auch das Predigen miteingeschlossen, noch nicht beson- 
ders angezogen, - — ich muss ihn zuvor mehr personlich 
kennen lernen. Marheineke's Vortrag stellt man falsch 
dar, wenn man ihn stolz und affektiert nennt, er ist sehr 
wiirdig und mit unverkennbaren Spuren von Gefuhl. Der 
freundlichste Mann hier ist aber Hitzig, der mir schon 



85 



unzahlige Gefalligkeken erwiesen hat, Gestern fiihrte er 
mich in eine Gesellschaft ein, in welcher namentlich Cha- 
misso zu treffen war. Man liest Rente's Leben vor. Cha- 
misso, ein altlicher, langer, hagerer Mann, mit einem 
grauen altdeutschen Haar, aber kohlschwarzen Augen- 
brauen. Im Gesprach ist er nicht viel, zerstreut, das Ge- 
sicht greulich verziehend, aber freundlieh und zuvorkom- 
ro end. So hatte ich also alles, — nur Dich, mein Beater, 
nicht und keinen der mir Dich irgend ersetzen konnte. 
Warum bist Du so eigensinnig fortgerannt, ohne auf una 
zu warten? wirst Du sagen. Urn Hegel noch zu sehen und 
ihm mit der Leiche zu gehen, antworte ich. Sende diesen 
Brief Biihrern, damit er meinen Eltern sagt — worauf 
sie begierig sein werden — was ich jetzt nach Hegel'e Tode 
zu tun gedenke. 

Den 17. Gestern haben wir ihn begraben. Um 3 Uhr 
hielt Marheineke als Rektor im Universitats-Saale eine 
Rede, einfach und innig, mich ganz befriedigend. Er 
stellte ihn nicht nur als Konig im Reiche des GedankenB, 
sondern auch als echten Jiinger Christi im Leben dar. Er 
sagte auch, was er bei einer kirchlichen Feier nicht wiirde 
gesagt haben, dass er wie Jesus Christus durch den leib- 
lichen Tod zur Auferstehung im Geiste, den er den Sei- 
nigen gelassen, hindurchgedrungen sei. Hierauf ging der 
ziemlich tumultarische Zug vor's Trauerhaus und von da 
zum Gottesacker. Dieser war mit Schnee bedeckt, rechts 
stand die Abendrothe, links der aufgehende Mond. Neben 
Rchte, wie er gewiinscht hatte, wurde Hegel beigesetzt. 
Ein Hofrath Fr. Forster, ein Poet und Anhanger Hegel's, 
hielt eine Rede voll leerer Phrasen, wie das Gewitter, das 
lange iiber unseren Hauptern gestanden, und sich schon 
verzieh«n zu wollen schien, noch mit einem ziindenden 



86 



Strahl und hartem Doniierschlag ein holies Haupt getrof- 
fen; und dies mit einem Ton, wie wenn man dem Kerl 
einen Sechser gegeben hatte, um das Ding geschwind ab- 
zulesen. Nachdem dies beendigt war, trat man naher zum 
Grab und eine von Thranen gedampfte, aber hochfeier- 
liche Stimme sprach: Der Herr segne Dich, Eg war Mar- 
heineke. Dieser Eindruck befriedigte mich wieder ganz. 
Reim Austritt aus dem Gottesacker eah ich einen jungen 
Mann weinen und horte ihn von Hegel sprechen. Ich 
sehloss mich ihm an; es war ein Jurist, vieljahriger Schil- 
ler Hegel's. Damit Gott befohlen. 



87 



Voranzuschicken ist diesem Goethebrief weniges; ein kurzer 
Kommentar soil ihm folgen. In der Tat scheint die philologische 
Auslegung einem so grossen Dokument gegeniiber die bescheidenste 
Verhahungsweise, zumal dem, was Gervinus fiber den allgemeinen 
Charakter der Goethesehen Spatbriefe in seiner Sehrift «Ober den 
Goethesehen Briefwechsel» sagt, in Kiirze nichts hinzuzufiigen ist. 
Auf der anderen Seite liegen furs aussere Verstandnis dieser Zeilen 
alle Daten bei der Hand. Ann 10. Dezember 1831 war Thomas See- 
beck, der Entdecker der entoptischen Farben, gestorben. Entop- 
tische Farben sind dureh eine gewisse massige Lichtanregung in 
durcfasichtigen Korpern zum Vorschein kommende Farbenbilder. 
In ihnen erblickte Goethe einen experimentellen Hauptbeweis sei- 
ner Farbenlehre der Newtonschen gegeniiber; er nahm also starksten 
Anteil an ihrer Entdeckung und stand von 1802 bis 1810 zu ihrem 
in Jena ansassigen Urheber in naherer Beziehung. Ala Seebeck 
spaterhin in Berlin wirkte und dort Mitglied der Akademie der 
Wissenschaften wurde, lockerte sich das Verhaltnis zu Goethe. Die- 
ser verdachte es ihm, dass er an so sichtbarer Stelle nicht nach- 
haltig fur die «Farbenlehre» sich einsetzte. Soweit die Voraus- 
setzungen des folgenden Sehreibens. Es stellt die Antwort auf einen 
Brief dar, in dem Moritz Seebeck, der Sohn des Forschers, gleieh- 
zeitig mit der Nachricht vom Ableben seines Vaters Goethe der 
Bewunderung versichert, die der Verstorbene bis zuletzt fur ihn 
hegte und die «einen festeren Grund als den einer personlichen 
Neigung hatte.» 



GOETHE AN MORITZ SEEBECK 

3. Januar 1832. 

Auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Theuerster, liabe 
wahrhaftest au erwidern: dass das friihzeitige Scheiden 
Ihres trefflichen Vaters fur mich ein grosser personlicher 



88 



Verlust sei. Ich denke mir gar zu germ die wackeren 
Manner, welche gleiehzeitig bestrebt sind, Kenntnisse zu 
vermehren und Einsichten zu erweitern, in voller Thatig- 
keit. Wenn zwischen entfernten Freunden sich erst ein 
Schweigen einschleicht, sodann ein Verstummen erfolgt 
und daraus ohne Grand und Noth sich eine MiBstimmung 
erzeugt, so mussen wir darin leider eine Art von Unbe- 
hiilflichkeit entdecken, die in wohlwollenden guten Cha- 
rakteren sich hervorthun kann, und die wir, wie andere 
Fehler, zu iiberwinden und zu beseitigen mit Bewusstsein 
betrachten sollten. Ich habe in meinem bewegten und ge- 
drangten Leben mich einer solchen Versaumniss ofters 
schuldig gemacht und will auch in dem gegenwartigen 
Fall den Vorwurf nicht ganz von mir ablehnen. So viel 
aber kann ich versichern, daas ich es fur den zu friih 
Dahingegangenen weder als Freund an Neigung, noch als 
Forscher an Theilnahme und Bewunderung je habe fehlen 
lassen, ja dass ich oft etwas Wichtiges zur Anfrage zu 
bringen gedachte, wodurch dann auf einmal alle bosen 
Geister des Misstrauens waren verscheucht gewesen. Doch 
hat das voriiberrauschende Leben unter anderen Wunder- 
Iiehkeiten auch diese, dass wir in Thatigkeit so bestreb- 
sam, auf Genuss so begierig, selten die angebotenen Ein- 
zelheiten des Augenblicks zu schatzen und festzuhalten 
wissen. Und so bleibt denn im hochsten Alter uns die 
Pflicht noch iibrig, das Menschliche, dae uns nie verlasst, 
wenigstens in seinen Eigenheiten anzuerkennen und uns 
durch Reflexion iiber die Mangel zu beruhigen, deren Zu- 
rechnung nicht ganz abzuwenden ist. Mich Ihnen und 
Ihren theuren Angehorigen zu geneigtem Wohlwollen 
bestene empfehlend ergebenst 

/. W. v. Goethe. 



89 



Dieser Brief ist einer der letzten, die Goethe geschrieben hat. 
Wie er, so steht auch seine Sprache an einer Grenze. Die Goethe- 
sche Altersrede erweitert das Deutsche in einem imperialen Sinne, 
der keinen Einschlag von Imperialismus hat. Ernst Levy hat in 
einer wenig bekannten, aber um so bedeutsameren Studie «Zur 
Sprache des alten Goethe» gezeigt, wie die beschauliche, kontempla- 
tive Natur des Dichters im hohen Alter ihn zu eigentiimlichen 
granimatischen und syntaktischen Fiigungen bringt. Er hat auf das 
Vorherrschen von Komposita, den Schwund des Artikels, die Be- 
tonung des Abstrakten und viele andere Ziige hingewiesen, die zu- 
sammenwirkend zur Folge haben, «jedem Wort einen moglichst 
grossen Bedeutungsinhalt» zu geben und das gesamte Gefiige unter- 
ordnenden Sprachtypen wie dem Tiirkischen, einverleibenden wie 
dem Gronlandischen angleichen, Ohne unmittelbar diese sprachli- 
chen Gedanken aufzunehmen, suehen die folgenden Anmerkungen 
zu erhellen, wieweit diese Sprache von der gebrauehlichen abliegt. 

«ein grosser personlicher Verlust sei» 

— Sprachlich ware der Indikativ mindestens ebenso moglich; 
der Konjunktiv an dieser Stelle verrat, dass das den Schreibenden 
beherrschende Gefiihl von sich aus nicht den Weg zur Schrift, zum 
Ausdruck mehr verlangt, dass Goethe als Kanzlist des eigenen In- 
nern es verlautbart. 

«in voller Tatigkeit» 

— Die Worte stehen als Kontrast zu: tot; ein wahrhaft antik 
empfundener Euphemismus. 

«eine Art von Unbehilflichkeit» 

— Der Schreiber wahlt fiir das Verhalten des Greisen einen 
Ausdruck, welcher eher fiir das des Sauglings am Platze ware, und 
dies, um ein Physisches an die Stelle eines Geistigen setzen zu 
konnen, und dergestalt den Tatbestand, sei es auch mit Gewalt, zu 
vereinfachen. 

«nicht ganz von rair ablehnen» 

— Goethe hatte wohl schreiben konnen «nicht ganz ablehnen». 
Er schreibt «nicht ganz von mir ablehnen» und bietet damit sich, 



90 



den eignen Leib, dem Vorwurf zur Stiitze, gemass der Neigung, die 
Abstraktion, die er im Ausdruck sinnlicher Dinge bevorzugt, ihrer- 
seits im Ausdruck der geistigen in eine paradoxe Anschaulichkeit 
umschlagen zu lassen. 

«das voriiberrauschende Leben» 

— - Bewegt und gedrangt heisst dies Leben an anderer Stelle: Bei- 
worte, die es iiberdeutlich machen, dass der Scbreiber selbst sich, 
betrachtend, an dessen Ufer zuriickzog, im Geiste, wenn auch nicht 
im Bilde, jenes anderen Greisenwortes, mit dem Walt Whitman 
versehieden ist: «Nun will ich mich vor die Tiir setzen und das 
Leben betrachten.» 

«Einzelheiten des Augenblickss'* 

— <Zum Augenblicke mocht ich sagen: Verweile doch, du bist 
so 8chon.s> Schon ist der erfiillende Augenblick, der verweilende 
aber erhaben, wie der am Lebensende kaum mehr vorriickende, 
den diese Briefzeilen festhalten. 

«das Menschliche ... in seinen Eigenheiten* 

— Die sind das Letzte, worauf der grosse Humanist sich als in 
ein Asyl zuriickzieht; die Idiosykrasien, die diese spateste Lebens- 
periode regieren, auch sie stellt er unter das Patronat der Mensch- 
heit selbst. Wie durch das Mauerwerk eines unerschiitterlichen, 
ausgestorbenen Baues zuletzt die schwachen Pflanzen, Moose sich 
ihre Bahn brechen, dringt hier, die Fugen einer unerschiitterlichen 
Haltung sprengend, das Gefiihl. 



91 



Es ist immer die gleiche Wendung — Holderlin an Bohlendorf : 
«Deutsch will und muss ich iibrigens bleiben, und wenn mich die 
Herzens- und Nahnragsnot nach Otaheiti triebe»; Kleist an Fried- 
rich Wilhelm III.: dass er «schon mehr als einmal dem traurigen 
Gedanken nahe gebracht worden», sich im Ausland ein Fortkom- 
men suchen zu miissen; Ludwig Wolfram an Varnhagen von Ense: 
<Sie werden einen deutschen Schriftsteller von gewiss unbeflecktem 
literarischem Ruf nicbt dem Elend zur Beute lassen» ; Gregorovius 
an Heyse: «Diese deutschen Manner wiirden einen wahrlich ver- 
hungern lassen». Und nun Biichner an Gutzkow: «Sie sollen noch 
erleben, zu was ein Deutscher nicht fahig ist, wenn er Hunger hat». 
Es ist ein grelles Licht, das aus solchen Briefen auf die lange Pro- 
zession deutscher Dichter und Denker fallt, die an die Kette einer 
gemeinsamen Not geschmiedet, am Fusse jenes weimarerischen Par- 
nasses sich dahinschleppt, auf dem die Professoren gerade wieder 
einmal botanisieren gehen. ■ — Fiir alles Ungliick, von dem er Zeug 
nis ablegt, ist diesem folgenden Briefe das Gliick zu iiberdauern, 
zugefallen. Besonders sind die an die Seinen und an die Braut 
Eingriffen zum Opfer gefallen, welche der Bruder, Ludwig Biich- 
ner, an seinem Teil damit rechtfertigt, es sei ihm nur auf das an- 
gekommen, «was zur Kenntnis der politischen Bewegung jener 
Zeit und des Anteils, den Biichner daran hatte, wichtig erschiens>. 
Diesem Anteil setzt der folgende Brief ein Ziel. Denn in der Friihe 
des 1. Marz 1835 floh Biichner aus Darmstadt. Schon seit einiger 
Zeit waren die Mitglieder der Gesellschaft der Menscbenrechte der 
Behorde bekannt gewesen; die Arbeit am «Danton» ging, wie man 
gesagt hat, unter Polizeiaufsicht vor sich. Unter Polizeiaufsicht 
stand auch die Redaktion; als das Stiick im Juli des Jahres er- 
schien, nannte Gutzkow selbst es einen notdurftigen Rest, «die 
Ruine einer Verwiistung, die mich Ueberwindung genug gekostet 
hat». Erst 1879 brachte Emil Franzos die unzensierte Ansgabe 
heraus. Die Wiederentdeckung Biichners am Vorabend des Welt- 
krieges gehort zu den wenigen literarpolitischen Vorgangen der 



92 



Epoche, die mit dem Jahre 1918 nicht entwertet waren, und deren 
Akmalitat einer Mitwelt, die die Reihe der eingangs erwahnlen 
Aeusserungen unabsehbar wacbsen gieht, blendend einleuchten muss. 



GEORG BtJCHNER AN KARL GUTZKOW 

Darmstadt, Ende Februar 1835. 

Mein Herri 

Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht, im 
ungliicklicheren Fall, die eigene Erfahrung schon gesagt, 
dass es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Riicksicbt 
vergessen und jedes Gefiihl verstummen macbt. Es gibt 
zwar Leute, welche behaupten, man solle sich in einem 
solchen Falle lieber zur Welt hinaushungern, aber ich 
konnte die Widerlegung in einem seit Kurzem erblin- 
deten Hauptmanne von der Gasse aufgreifen, welcher er- 
klart, er wiirde sich totschiessen, wenn er nicht gezwungen 
sei, seiner Familie durch sein Leben seine Besoldung zu 
erhalten. Das iet entsetzlich. Sie werden wohl einsehen, 
dass es ahnliche Verhaltnisse geben kann, die Einen ver- 
hindern, seinen Leib zum Notanker zu machen, um ihn 
von dem Wracke dieser Welt in das Wasser zu werfen, 
und werden sich also nicht wundern, wie ich Ihre Tiire 
aufreisse, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuskript auf 
die Brust setze und ein Almosen abfordere. Ich bitte Sie 
namlich, das Manuskript so schnell wie moglich zu durch- 
lesen, es im Fall Ihnen Ihr Gewissen als Kritiker dies er- 
lauben sollte, dem Herm Sauerlander zu empfehleix und 
sogleich zu antworten. 

Ueber das Werk selbst kann ich Ihnen leider nichts 
sagen, als dass ungliickliche Verhaltnisse mich zwangen, 



93 



es in hochstens fiinf Wochen zu schreiben. Ich sage dies, 
um Ihr Urteil iiber den Verfasser, nicht iiber das Drama 
an xmd fiir sich zu motivieren. Was ich daraus machen soil, 
weiss ich selber nicht, nur das weiss ich, dass ich alle 
Uraaehe habe, der Geschichte gegeniiber rot zu werden, 
doch troste ich mich mit dem Gedanken, dass, Shake- 
speare ausgenommen, alle Dichter vor ihr und der Natur 
wie Schulknaben dastehen. 

Ich wiederhole meine Bitte um schnelle Antwort; im 
Falle einea giinstigen Erfolges konnen einige Zeilen von 
Ihrer Hand, wenn sie vor nachsten Mittwoch hier eintref- 
fen, einen Ungliicklichen vor einer sehr traurigen Lage 
bewahren. 

Sollte Sie vielleicht der Ton dieses Briefes befremden, 
so bedenken Sie, dass es mir leichter fallt, in Lumpen zu 
betteln, als im Frack eine Supplik zu iiberreichen, und 
fast leichter, die Pistole in der Hand: la bourse ou la vie! 
zu sagen, als mit bebenden Lippen ein: Gott lohn' es! 
zu fliistern. 

G. Biichner. 



94 



Das Schauspiel «Prominenter», welche unter hergebrachten 
Floskeln einem Jubilaum, einer Ehrung sich seheinen entziehen zu 
wollen, ist uns gelaufig. Um aber den Sinn einea Verhaltens zu 
finden, das dergestalt gewohnlich nur imitiert wird, muss man wohl 
in den Zeugnissen deutscher Menschen ein wenig zuriickblattem. 
Da stosst man denn auf diesen Brief des grossen Chirurgen Dieffen- 
bach (1795 — 1847), und jene echte Bescheidenheit, die nicht Demut 
vor den Leuten, sondern der Anspruch auf Namenlosigkeit ist. 
Auch von dem, was in diesem Schreiben beriihrt wird, gelten Dief- 
fenbachs Worte aus der gleicbzeitigen Vorrede seiner «Operativen 
Chirurgie»: «Es sind keineswegs Oberschauungen und Riickblicke 
in ein niiihevolles und bewegtes Leben, keine schwermutvollen Be- 
traehtungen am Abend des eigenen Daseins, sondern noch mit der 
Glut der Jugend und der Gegenwart erfasste Begebenheiten, nicht 
bloss von vorgestern, sondern noch von gestern und noch von heute.» 
Kurz vor dem Tod versichert dieser Brief das fast vollbrachte Le- 
ben jener Treue, die den Tatigen zum Feiern so ungeschickt macht. 
Sie ist gewiss kein Ideal an sich. Wohl aber eignet dies Verhalten 
den grossen Typen des deutschen Biirgertums, denen wir in die- 
ser Briefreihe nachgehen. Wie weit wir dabei aus dem Kreise der 
«Dichter und Denken> uns entfernen diirfen, ohne darum eine ge- 
ringere Kraft seiner Pragung zu finden, wird man, mit einiger Ver- 
legenheit vielleicht, den folgenden Zeilen entnehmen. 



JOHANN FRIEDRICH DIEFFENBACH 
AN EINEN UNBEKANNTEN 

Potsdam, 19. Oktober 1847. 

Es ist wohl moglich, class einigen meiner Freunde 
nicht entgangen ist, dag's ich heut vor 25 Jahren promo- 
viert habe. Nur besorge ich, sie konnten von diesem Tage 
eine Art Aufhebens bei meinen Collegen und Bekannten 



95 



machen, und etwas veranlassen, wadurch ich mit meinem 
Empfinden gewissermassen in die Enge getrieben wiirde. 
Von je an ist es mir ein peinlicher Gedanke gewesen, der 
Lowe einer Feierlichkeit, ein begratulierter Zweckesser 
zu sein. Ich liesse mir heute lieber etwas operieren, als 
mich von den edelsten und besten Menschen begliick- 
wiroschen. Das ist nicht blosse Demuth, sondern auch eine 
Art von Sehnsucht nach stiller Einsamkeit an diesem 
ganz allein fiir mich wichtigen Tage. Mir sind die 25 
Jahre, welche ich fiir kranke Menschen in meinem Beruf 
gelebt habe, so schnell und befriedigend verstrichen, als 
waren es nur 25 Wochen, und ich fiihle mich durch das 
bewegte und erschiitternde Leben, in dem ich soviele 
Schmerzen sah, weder an Geist noch an Korper abgemat- 
tet, und es ist mir, als hatten die vielen Kranken, unter 
denen ich gelebt, mich so gestahlt und gestarkt, daas ich 
auf neue 25 Jahre contrahire. 

Wenn also heut am 19. Oktober einige Freunde und 
Bekannte, sowie andere gute Menschen meiner gedenken, J 

weil sie gehort haben, dass mir heut vor 25 Jahren von j 

dem lieben herrlichen seligen d'Outrepont der Doctorhut | 

auf den Kopf gesetzt sei, so will ich dies freundliche An- f 

denken in aller Stille und Einsamkeit geniessen. Ich will j 

ihnen nicht allein dafiir danken, sondern auch fiir alles 
das Gute und Liebe, welches sie mix erzeigten und wo- 
durch sie mir zur Erreichung meines Lebenszweckes for- 
derlich waren. 

Joh. Friedr. Dieffenhach. 



96 



Als Einfiihrung zu dem folgenden durch Dahlmanns besorgte 
Frage nach. dem Fortgang des Deutschen W6rterbucb.es veranlassten 
Brlefe miigen einige Stellen aus der Einleitung dieses Werkes liier 
Platz finden: «Es gait, unseren Wortschatz zu heben, zu deuten 
und zu lantern, denn Sammlung ohne Verstandnis macht leer, un- 
selfostandige deutsche Etymologie vermag nichts, und wem lautere 
Schreibung ein Kleines ist, der kann auch in der Sprache das 
Grosse nicht lieben und erkennen. Hinter der Aufgabe bleibt aber 
das Gelingen, hinter dem Entwurf die Ausfiihrung. Ich zimniere 
bei Wege / Des muss ich manegen Meister han. Dieser alte Spruch 
lasst empfinden, wie dem zumute sei, der ein Haus auf offener 
Strasse auferrichtete, vor welchem die Leute stehn bleiben und es 
begaffeti. Jener hat am Tor und dieser am Giebel etwas auszu- 
setzen, der ein lobt die Zierarten, der andere den Anstrich. Ein 
Worterbuch stent aber auf dem allgemeinen Heerweg der Sprache, 
wo sich die unendliche Menge des Volkes versammelt, das ihrer 
im ganzen, lange nicht im einzelnen kundig, sowohl Aeusserungen 
des Beifalls und Lobes als auch des Tadels erschallen lasst.» «Langst 
entbehrt unsere Sprache ihres Dualis, dessen ich rnich hier immer 
bedienen musste, und den Pluralis fortzufiihren, fallt mir zu lastig. 
Ich will das Viele, das ieh alles zu sagen habe, und von dem auch 
meine eigensten inneren Empfindungen beschwichtigt oder ange- 
fochten werden, frischweg in meinem Namen aussprechen!; viel- 
leicht wird, sobald er kiinftig das Wort ergreift und seine weichere 
Feder ansetzt, Wilhelm meinen ersten Bericht bestatigen und er- 
ganzen. Hingegeben einer unablassigen Arbeit, die mich, je genauer 
ich sie kennen Ierne, mit starkerem Behagen erfiillt, wanim sollte 
ich bergen, dass ich meines Teiles entschieden sie von mir gewie- 
sen hatte, wenn unangetastet ich an der Gottinger Stelle geblieben 
ware? Im vorgeriickten Alter fiihle ich, dass die Faden meiner 
iibrigen angefangenen oder mit mir umgetragenen Biicher, die ich 
jetzt noch in der Hand halte, dariiber abbrechen. Wie wenn tage- 
lang feine ,dichte Flocken voni Himmel nieder fallen, bald die ganze 
Gegend in unermesslichem Schnee zugedeckt liegt, werde ich von 



97 



der Masse aus alien Ecken und Ritzen auf mich andringender Wor- 
ter gleichsam eingeschneit. Zuweilen mochte ich mich erheben und 
alles wieder abschiitteln, aber die rechte Besinnung bleibt dann 
nicht aus. Es gelte doch fur Torheit, geringeren Preisen obschon 
sehnsiichtig nachzuhangen und den grossen Ertrag ausser aeht zu 
lassen.» Und endlich dieser Schluss, geschrieben zu einer Zeit, da 
Deutschland — ohne Kabel zwar, aber obne seine Stimme falschen 
zu miiusen — iiber das Meer hin gesprochen hat: ^Deutsche 
geliebte Landsleute, welches Reiches, welches Glaubens Ihr seiet, 
tretet ein in die Euch alien aufgetane Halle Eurer angestammten, 
uralten Sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, Eure 
Volkskraft und Dauer hangt in ihr. Noch reicht sie fiber den Rhein 
in das Elsass bis nach Lothringen, fiber die Eider tief in Schleswig- 
holstein, am Ostseegestade nach Riga und Reval, jenseits der Kar- 
pathen in Siebenbiirgens altdakisehes Gebiet. Auch zu Euch Ihr 
ausgewanderten Deutschen fiber das salzige Meer gelangen wird 
das Buch und Euch wehmiitige liebliche Gedanken an die Heimat- 
sprache eingeben oder befestigen, mit der ihr zugleich unsere und 
eure Dichter hinfiberzieht, wie die englischen und spanischen in 
Amerika ewig fortleben. 

Berlin, 2. Marz 1854. Jacob Grimm.» 



JACOB GRIMM AN 
FRIEDRICH CHRISTOPH DAHLMANN 

Lieber Dahlmann, 

Ihre Schriftziige, so selten sie mir zu Gesicht kommen, 
habe ich auf den ersten Blick erkannt, vielleicht ginge 
es Ihnen nicht so mit den meinen durch das viele Schrei- 
ben etwas verschrumpfenden und ungleichen. 

Ich bin in den ersten drei Monaten fast immer krank- 
haft gewesen, als ein iibler Grippeanfall endlich uber- 
wunden schien, folgte auf ihn der zweite, hartere, der 
Bedenken einflossen konnte und mich wenigstens so her- 



98 



unter brachte, dass ich mich schwer erhole, denn noch 
ist nicht alles damit voriiber. Wenn ich oft schlaflos zu 
Bette lag, fuhrt mir auch das Worterbuch durch den 
Sinn. 

Sie ermahnen mich liebevoll und dringend zu eifriger 
Fortarbeit. Hirzels Briefe tropfen schon jahrelang anhal- 
tend auf denselben Fleck, zwar mit feinster Schonung, 
doch so, dass, wie wenn Frauen schreiben, dasselbe An- 
liegen immer darin enthalten ist, und auch, falls ich sie 
nicht lase, ich doch wiisste, was darin eteht. 

Im Widerspruch mit diesen Stimmen und einer innern 
in mir selbst, mahnen mich alle iibrigen, die hier in mein 
Ohr tbnen, ab von angestrengter Arbeit, und haben, wie 
Sie sich denken konnen, am Arzt ihren Hinterhalt. Ich 
werde dadurch nicht stutzig noch unschliissig, aber doch 
etwas gepeinigt. 

Stellen wir uns das Bild des Worterbuches einmal leb- 
haft vor. Ich habe in Zeit von drei Jahren fiir die Buch- 
staben ABC geliefert 2464 enggedruckte Spalten, welche 
in meinem Manuskript 4516 Quartseiten ausmachten. 
Hier will alles, jeder Buchstabe eigenhandig geschrieben 
sein, und fremde Hilfe ist unzulassig. Wilhelm wird in 
den drei darauf gefolgten Jahren das D, obschon er es 
dem Plan entgegen zu sehr ausfiihrt, in 750 Spalten dar- 
stellen. 

Die Buchstaben A B C D erreichen noch nicht ein 
Viertel des ganzen. Es bleiben also, mild angeschlagen, 
noch gegen 13,000 gedruckte Spalten oder nach Weise 
meines Manuskriptes 25,000 Seiten zu schreiben. Fiirwahr 
eine abschreckende Aussicht. 

Ich dachte als Wilhelm in die Reihe trat, dass ich nun 
etwas aufatmen und an andere Arbeiten gehn konnte, die 



99 



sdcli unterdessen getiirmt hatten. Sobald Hirzel sah, dass 
Wilhelm langsamer schreitet und das Werk zuriickblieb, 
begann er von mir zu begehren, ich solle, ohne das Ende 
von D abzuwai^ten, mit E beginnen, damit der Druck 
gleichzeitig geschehen konne. Buehhandlerisch betrach- 
tet, war dies nicht unbillig, verdarb mir aber meine Ferien 
und storte meine Ruhe, denn bei dem Gedanken, alsbald 
wieder vortreten zu miissen, wies ich aucb weit aussehende 
neue Arbeiten zuriick und arbeite mehr einzelnes aus. 

Dass wir beide zugleich Worterbuch arbeiten, hat auch 
ausserlieh manches gegen sich. Die Menge von Biichern, 
die dabei gebraucht werden, miissten bald hier bald dort 
weggenommen werden. Da wir nicht in einer Stube sitzen, 
wiirde ein bestandiges Laufen und Helen entspringen. Ich 
weiss nicht, ob Sie sich unsre Hauseinrichtung deutKch 
vorstellen. Fast alle Biicher sind an den Wanden meiner 
Stube aufgestellt und Wilhelm hat die grosste Neigung, 
sie in seine Stube zu holen, wo er sie aef Tische legt, dass 
man sie schwer wieder findet. Tragt er sie aber an die 
alte Stelle, so ist ein unendliches Tiir auf- und zuschlagen, 
das uns beiden lastig wird. 

Dies ist nur ein ausseres Hindernis, das aus dem Zu- 
sammenarbeiten hervorgeht, die inneren sind viel 
schwerer. 

Sie wissen es, dass wir beide von Kindesbeinen an brii- 
derlich zusammenleben und einer ungestorten Gemein- 
schaft pflegen. Alles was Wilhelm arbeitet, geschieht mit 
fleissiger Sorgfalt und Treue, allein er geht langsam zu 
Werke und tut seiner Natur keine Gewalt an. Ich habe 
mir oft im Herzen vorgeworfen, dass er durch mich 
eiigentlich in graxnmatiche Dinge getrieben worden ist, 
die seiner inneren Neigung fernliegen, er hatte sein Ta- 



100 



memmmm&^m% 



lent, ja alles, worin er mir iiberlegen ist, besser auf an- 
dern Feldern bewahrt. Diese Worterbucharbeit verursacht 
ihm zwar Freude, doch mehr Pein und Not, dabei fiihlt 
er sich selbstandig und vereinbart sich ungern da, wo die 
Ansichten abweichen. So kornnit es denn, dass 'die Gleich- 
artigkeit des Plans und der Ausfuhrung leidet, was dent 
Werke schadet, wenn es auch einigen Lesern sogar an- 
genehm erscheint. In seiner Ausarbeitung ist mir darum 
einiges nicht recht, sowie umgedreht an der meinen ihm 
einzelnes missfallen mag. 

Ein solches Werk muss, wenn es gedeihen soil, in ieiner 
Hand liegen. Ich muss aber noch weiter ausholen. 

Alle meine Arbeiten und Erfolge waren nie auf ein 
Worterbuch hingerichtet und es tritt nachteilig da- 
zwischen. 

Ich empfinde weit mehr Lust, die Grammatik, der ich 
doch am Ende alles verdanke was ich erreichte, uberhaupt 
zu vollenden, jetzt wachst sie iiber mich und ich muss 
sie unvollendet liegen lassen, vermag ihr nicht zu geben, 
was in meinen Kraften stande, wenn ich mich frei fiihlte. 
Unterdessen auch haben sich manche andere und neue 
Gegenstande vor mir aufgetan, deren Behandlung mir 
weit naher zu Herzen ginge als das Worterbuch, eie 
konnte ich erreichen, wahrend das Ende des Worter- 
buches unnahbar steht. Hatte ich diese ganze schwierige 
Lage vorausgesehen, ich wiirde damals mit Handen und 
Fiissen das Worterbuch abgewehrt haben. Meine Beson- 
derheit und Eigentiimlichkeit leidet darunter Abbruch. 

Doch ich weiss, wozu ich verbiinden bin, und habe 
bereits vor acht Tagen nach Leipzig gemeldet, dass ich 
noch diesen Monat anfangen will, ich werde also den Hals 



101 



wleder unter das Joch beugen und erwarten, was die Zu- 
kiunft bringt und wie sie es fiir mich ausgleicht. 

Nun haben Sie, lieber Freund, einen langen Brief, den 
zu durchlesen Ihnen schwer geworden sein wird, aber Sie 
sind Schuld daran und wollen es so, weil Sie herzlich in 
mich drangen. Mich freut zu horen, dass jetzt drei Mad- 
chen, in Lessings Sprache drei Frauenzimmerehen, in 
Ihrem Hause sind, wodurch Sie aufgeheitert werden. Icli 
bleibe Ihr treuer Freund. 

Berlin, 14. April 1858. 

Jacob Grimm. 



102 



Georg Lukacs hat die weittragende Bemerkung gemacht, das 
deutsche Biirgertum hatte seinen ersten Gegner — den Feudalismus 
— noch nicht zu Boden gerungen, als schon das Proletariat — sein 
letzter — vor ihm gestanden habe. Die Zeitgenossen Metternichs 
haben davon ein Lied singen konnen. Man braucht nur die „Ge- 
schichte des neunzehnten Jahrhunderts» des nie gemig geschatzten 
Gervinus zu offnen und dort zu lesen, was auch der emeritierte 
Haus-, Hof- und Staatskanzler noch kurz vor seinem Tode hat lesen 
konhen: «Es hat grosse Staatslenker gegebeti, die driickender als 
Metternich regierten, aber durch Verdienste um den Staat ihre 
Harte vergiiteten, die, selbst wenn sie wie Metternich ihre person- 
lichen Interessen dem Staatswohl voranstellten, doch, wo ihr Eigen- 
nutz nicht im Spiele war, das Gute aus Klugheit forderten oder in 
natiirlicher Neigung und in dem gemeinsamen Trieb zur Tatigkeit. 
Nicht so war Metternich. Sein Interesse war die Untatigkeit, und 
es war daher immer im Spiele und mit dem Staatswohle immer im 
Streit.* Es war aber nicht sie allein, die dem Gestiirzten jene Sou- 
veranitat schenkte, die dieser Brief des Eimmdachtzigjahrigen so 
sichtlich atmet, und auch nicht nur der ungestbrte Genuss unab- 
sehbarer Rechtiimer, die sich der Furst, wie man sagte, durch die 
«Kursgewinne und Teilungsvertrage mit den Geldkonigen, die 
Dienste um Dienste, die Gewinne aus teuren Verkaufen und 
wohlfeilen Kaufern, die Entschadigungs-, Friedens-, Evakuations-, 
Ausgleichungs-, Erwerbungs- und Schiffahrtsmillionens> in einem 
dreissigjahrigen Frieden zu verschaffen gewusst hatte, son- 
dern die denkwiirdige politische Konfession, die sich in den acht 
Banden seines handschriftlichen Nachlasses kaum irgendwo giiltiger 
formuliert finden wird als in diesem vermachtnisartigen Schreiben 
an den Grafen von Prokesch-Osten, seinen einzigen Schuler und 
damaligen osterreichischen Bundestagsprasidialgesandten in Frank- 
furt. Man kann von diesem Brief getrost den Bogen uber ein hal- 
bes Jahrhundert schlagen und wird den Vorbehalt, der mehr noch 
als in alien seinen Worten in Metternichts vieldeutigem Lacheln 
lag — einem Lacheln, das dem Marschall Lannes kriechende 



103 



Schmiegsamkeit zeigte, dem Freiherrn Hormayr List und Liisternheit, 
dem Lord Russel nichtssagende Gewohnheit — man wird den Vor- 
behalt und dieses Lacheln bei Anatole France wiederfinden, der 
sagt: «Alle Augenblicke spricht man von ,Zeichen der Zeit'. Aber 
die sind sehr schwer ausfindig zu machen. Nicht selten schien mir 
aus einigen kleinen Szenen, die unter meinen Augen sich abspiel- 
ten, das Eigentiimlichste unserer Epoche zu sprechen. In solcben 
Fallen aber geschah es neunmal von zehnen, dass icb genau das 
Gleiehe mit entsprechenden Begleitumstanden in alten Memoiren 
oder Chroniken wiederfand.» Das ist es; und darum wird das Leben 
stets von jenen destruktiv gestimmten Geistern — mogen sie als 
Grandeigneurs feudalistisch oder als Burger anarchistisch gesinnt 
sein — am liebsten mit dem Spiel verglichen werden. Der Dop- 
pelsinn des Wortes ist ganz am Platze. Im folgenden Sehreiben 
ist es das der Biihne mit seiner ewigen Wiederkunft alles Gleichen, 
in einem beinalie gleichzeitigen der Hasard, wobei «die Riick- 
sichten auf Moral- und Rechtsbegri'ffe in den Skat» gehoren. «Lak- 
kierten Staub» hat ein russischer Staatsrat den Fiirsten genannt. 
Er hatte sein Lacheln darum nicht abgelegt: die Staatskunst war 
ihm ein Menuett, wonach im Sonnenlicht Staubchen tanzen. So 
gab er von einer Politik sich Rechenschaft, die auch das Biirgertum 
in seiner grossen Zeit nicht meistern konnte, ohne sie als Illusion 
zu durchschauen. 



FtjRST CLEMENS VON METTERNICH 

AN DEN GRAFEN 

ANTON VON PROKESCH-OSTEN 

Wien, 21. Dezember 1854. 
Liebp.r General! 

Ich beniitze die erste sichere Gelegenheit, urn Ihnen 
fur Hire freundschaftliche Erinnemng an den 23. Novem- 
ber zu danken. Der Tag hat sich zum 81. Mai eingestellt, 
und er bietet mir also kaum andere Blicke als in die Ver- 



104 



gangenheit; die Zukunft gehort mir nicht mehr, und die 
Gegenwart bietet mir wenig Befriedigung. 

Ich bin ein geborener Feind der Nacht und Freund 
des Lichts. Zwischen der totalen Finsternis und dem Zwie- 
licht mache icli einen geringen Unterschied, denn in dem 
letzteren fehlt ebenfalls die belebende Helle. Wo wird 
hell gesehen? Wenn Sie es wissen, so sind Sie begabter, 
als ich es bin. Ich sehe in alien Richtungen Widerspruch 
in den Worteu und den Taten, den ehrlich aufgestellten 
Vorsatzen und den eingeschlagenen Wegen; dem Ver- 
standlichen in den Zwecken und dem Unverstandlichen 
in der Wahl der Mittel! Irgend Neues vermag ich in den 
Objekten nicht zu entdecken, die Sachen sind die alten, 
und sie sind selbst nicht in einem neuen Gewand aufge- 
stellt, das Handgreifliche in der Lage sind die gewech- 
selten Rollen unter den Darstellern des Schaustiickes. 
Dass dasselbe mit Flugwerken und kostbarer mise en 
scene >ausgestattet wurde, hieran ist kein Zweifel. Man 
fuhre mir nur das Stuck nicht als ein neues an und er- 
laube mir, die Entwicklung zum Ausspruch iiber die Be- 
handlung des Stoffes abzuwarten. 

Wahrhaft Neues liegt in der Art der Kriegfiihrung der 
Seemachte, und es zeigt sich in der Dampfkraft. Ein Un- 
ternehmen wie das in der Krim ware vor wenigen Jahren 
unmoglich gewesen, und es gehort unzweifelhaft zu den 
grossen Experimenten. Wird der Nutzen den Kosten ent- 
sprechen? Dies wird auch die Zukunft lehren, welcher 
viele grosse Aufklarungen anheimgestellt bleiben. Der 
Himmel lenke sie zum besten ! 

Im Jahre 1855 wird sich vieles deutlicher zeigen, als ich 
es heute zu erkennen vermochte. Ich hoffe Sie in dessen 
Verlauf zu sehen. Plane mache ich nie iiber eine oder 



105 



hochstens zwei Jahreszeiten hinaus: ich foafoe mieh in 
alien Zeiten und Lagen nach der Decke zu strecken ge- 
wusst, und je alter meine Decke wird, una so mehr ver- 
kiirzt sie sich. 

Erhalten Sie mir Ihre Gefiihle, wie Sie der meinigen 
versichert sein konnen. 

Metternich. 



106 



Gottfried Keller war ein grosser Briefschreiber. Es lag wohl in 
seiner schreibenden Hand ein Mitteilungsbediirfnis, das der Mund 
nicht kannte. «Es ist sehr kalt heute; das Gartchen vor dem Fenster 
schlottert vor Kiihle; siebenhundertundzweiundsechzig Rosen- 
knospen kriechen beinahe in ihre Zweige zuriick.» Solche Verlaut- 
barungen mit ihrem kleinen Bodensatz von Nonsens in der Prosa 
(den Goethe einmal fiir den Vers obligat erklart hat), sind der 
sinnfalligste Beleg dafiir, dass das Schonste und Wesentlichste die- 
sem Schriftsteller mehr noch als andern unter dem Schreiben kam, 
weswegen er sich qualitativ immer weniger zutraute, als er konnte, 
quantitativ immer mehr. Im iibrigen sind seine Briefe nicht nur 
raumlich in einer Grenzmark des sprachlichen Bereichs ge- 
legen. Sie stellen in vielen ihrer besten Exemplare ein Mitt- 
leres zwischen Brief und Erzahlung dar, Gegenstiicke der 
Mischform zwischen Brief und Fuilleton, wie sie gleichzeitig 
Alexander von Villiers pflegte. Den hingebenden Ober- 
schwang des 18. Jahrhunderts, die formvollendete Konfession 
der Romantik darf man in diesen Briefen nicht suchen. Ein Muster 
ihrer sproden, verschrullten Art ist der folgende, zudem wohl die 
ausfiihrlichste Aeusserung, die wir vom Schreiber iiber seine Schwe- 
ster haben — jene Regula, von der er gesagt hat, dass sie «in puncto 
alte Jungfer leider auf die ungliicklichere Seite dieser Nation zu 
stehen gekommen sei.» Auch der unfehlbare, nicht ganz unver- 
schworene Blick, den Keller fiir das Angefaulte, Lumpige besass, 
verleugnet sich nicht, wenn er dem Adressaten das Einverstandnis 
der beiden fahrenden Vortragskiinstler beschreibt. Und wie so oft 
beginnt er damit, seine Saumnis zu entschuldigen. «Die Korrespon- 
denzen, heisst es gelegentlich, stehen wie Wolken iiber meinem 
armen Schreibtisch.» Er selber aber ist ein wolkenschiebender, von 
langer Hand schweigender, die Schwiile unversehens mit gezack- 
ten Spassen zerreissender, dumpf nachdonnernder Jupiter episto- 
larius. 



107 



GOTTFRIED KELLER AN 
THEODOR STORM 

Zurich, 26. Februar 1879. 

Ihr Brief, liebster Freund, so willkommen er mir ist, 
hat mich doch in argerlicher Weise an meiner Saumselig- 
keit ertappt, mit welcher ich seit Monaten mit einem 
Brief e an Sie laborierte. Der Winter ist mir zum erstenmal 
fast imertraglich geworden und hat fast alle Schreiberei 
lahmgelegt. limner grau und lichtlos, dabei ungewohn- 
lich kalt und schneereich, nach vorangegangenem Regen- 
jahr, hat er mir fast taglich namentlich die Morgenstun- 
den vereitelt. Ein einziges Mai hatte ich neulich ein Friih- 
vergniigen, als ich eines Kaminfegers wegen um vier Uhr 
aufstehen musste, der den Ofen zu reinigen hatte. Da sah 
ich das ganze Alpengebirge im Siiden, auf acht bis zwolf 
Meilen Entfernung, im hellen Mondschein liegen, wie 
einen Traurn, durch die vom Fohnwinde verdiinnte Luft. 
Am Tage war natiirlich alles wieder Nebel und Diisternis. 

Ich witnsche Ihnen Gliick zu Ihrem Landkaufe und 
Baumpflanzen; wer die Mutter noch hat, darf wohl noch 
Baume setzen. Sie sind aber ja ein Hexenmeister von 
Fleiss, wenn wir drei neue Arbeiten zu gewartigen haben; 
sie soUen und werden Ihrem guten Namen nichts schaden, 
da Sie ja das Vermogen nicht besitzen, absichtiich unter 
sich selbst herabzusteigen, wie gewisse Industrielle, und 
unabsichtlich hat es doch auch seine Mucken. 

Den koketten Rhapsoden Jordan hab ich vor Jahren 
bier auch gehort, und zwar in den gleichen Kapiteln; gar 
wunderbar war es, das krankliche Knablein der Brun- 
hild (welch moderates Romanmotiv ! ) zu Siegfried sagen 
zu horen: «Du bist lieber als Papa». Jordan ist gewiss ein 



108 



grosses Talent; aber es braucht eine hirschlederne Seele, \ 

das alte und einzige Nibelungenlied fiir abgeschafft zu ; 
erklaren, um seinen modernen Weehselbalg an dessen 
Stelle zu schieben. Jenes Nibelungenlied wird mir auch 
mit jedem Jahr lieber und ehrfurchtgebietender, und ich 

finde- in alien Teilen immer mehr bewusste Vollkommen- , 

heit und Grosse. Als man nach der besagten Vorlesung '* 

in Zurich aus dem Saale ging, hatte sich der Rhapsode > 

unter der Tiire aufgestellt, und jeder musste an ihm vor- j, 

beigehen. Vor mir her ging Kinkel, aueh ein Vortrags- " 

virtuose und «schoner Mann», und nun sah ich, wie die ,* 

beiden sich kurz zunickten und lachelten in einer Weise, £ 

wie nur Frauen sich zulacheln konnen. Ich wunderte mich, V 

wie zwei so lange Kerle und geriebene Luder sich gegen-- 'j* 

seitig so schofel behandeln mogen. Wahrscheinlich ver- |- 

dirbt das reieende Deklamierwesen etwas die Poeten. |B 

Petersen ist ja eine fursorgliche edle Seele; wenn es *"- 

auf ihn ankame, so liesse er una den Verlegern schon mit- £ 

spielen, dass ihnen Horen und Sehen verginge. Indessen ft 

schenken wollen wir den Herren gerade auch nichts. Da b 

wir an Geldsachen sind, so will ich gleich noch einen $ 

wichtigen Punkt zur Sprache bringen. Sie haben nam- ,-k 

lich schon einige Male Ihre Briefe mit Zehn-Pfennig- ,«. 

Marken frankiert, wahrend es nach ausserhalb des Reiches } 

zwanzig sein miissen. Nun habe ich eine Sch wester und « 

sauerliche alte Jungfer bei mir, die jedesmal, wenn sie 7' 

das Strafporto von vierzig Pfennigen in das Korbchen 1 !j 

legt, das sie dem Brief trager an einer Schnur vom Fenster ,y 

des dritten Stockes hinunterlasst, das Zetergeschrei erhebt : & 

«Da hat wieder einer nicht genug frankiert !» Der Brief- [^ 
trager, dem das Spass macht, zetert unten im Garten 

ebenfalls und schon von weitem: «Jungfer Keller, es hat "- 

109 



wieder einer nicht frankiert!» Damn walzt sich das Spek- 
takel in mein Zimmer: «Wer ist denn da wieder ?» (An 
Ihren Beraubungen haben Sie namlich Konkurrenz in 
den osterreichischen Backfisch en, die an alle Dichter der 
letzten jeweiligen Weihnachtsanthologie urn Autographen 
schreiben, sofern der Wohnort des betreffenden Klassi- 
kers aus dem Buche ersiehtlich ist.) «Den nachsten Brief 
dieser Art», schreit die Schwester fort, «wird man sicher- 
licb nioht mehr annehmen!» — «Du wirst nicht des 
Teufels sein!» schrei ich entgegen. Dann sucht sie die 
Brille, urn Adresse und Poststempel zu studieren, verfallt 
aber, da sie meine offenstehende wanne Ofenrohre be- 
merkt, darauf, die Erbssuppe von gestern zu holen und 
in die Warme zu stellen, so dass ich den schonsten Kiichen- 
geruch in mein Studierzimmer bekame, was sonderlich 
fur den Fall ernes Besuches angenehm ist. «Raus rait der 
Suppe!» heisst's jetzt, «und stell sie in deinen Ofen!» 
«Dort steht schon ein Topf, mehr hat nicht Platz, weil 
der Boden abschiissig ist!» Neuer Wortkampf xiber die 
Renovation des Bodens, endlich aber segelt die Suppe ab, 
und die Portofrage ist dariiber einmal wieder vergessen; 
denn mit der Snppe hat Angriff und Verteidigung, Sieg 
und Niederlage gewechselt. 

Haben Sie also die Giite, der Quelle dieser Kriegs- 
laufte nachzugehen und sie zu verstopfen. Machen Sie es 
aber nicht wie Paul Lindau, der mir seinerzeit nach einer 
Reihe von halbfrankierten Mahnbriefen urn irgend einen 
Geschaftsartikel schnod bemerkte, so was konne bei ihm 
gar nioht vorkommen; hochstens konne es sich um ein 
einmaliges Versehen seines Sekretars handeln, er bitte 
deshalb xim Nachsicht wegen des unliebsamen Vorfalls 
mw. Da halt' ich von diesem Humoristen mein Teil weg! 



110 



Ich danke fiir Ihre J ahreswtinsche gar herzlich und 
hoffe, daes ich in der Tat einen Ruck vorwarts tue mit 
meinen Lebensrestanzen ; denn der Handel fangt doch 
an, unsicher zu werden, und ein Altersgenosse nach dem 
andern wird kampfunfahig oder segelt gar von dannen. 
Ihnen wiinsche ich gleichfalls das Beste, vor all em Be- \ 

ruhigung wegen des mysteriosen Uebels, von dem Sie mir '' 

schrieben, und an das wir vorderhand nicht glauben \ 

wollen. \\ 



Ihr G. Keller. 



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Nietzsches Freund, der Basler Professor fur protestantische 
Theologie und Kirchengeschichte Franz Overbecfc ist eine der gros- 
sen Mittlergestalten gewesen. Was Sinclair Holderlin bedeutet hat, 
ist Overbeck fur Nietzsche gewesen. Solche Manner, in denen man 
oft nur eine Art wohlmeinender Heifer, wenn nicht gar Interes- 
senvertreter gesehen hat, sind unendlich viel mehr: Reprasentanten 
einer einsichtsvolleren Nachwelt. So oft sie auch die primitivste 
Sorge fur jene iibernehmen, deren Rang sie ein fur alle Mai er- 
kannten, niemals iibertreten sie die Schranken, die sie als Stell- 
vertreter zu wahren haben. Kein Schriftstiick aus dem Ian gen, 
brieflichen Verkehr zwischen Nietzsche und Overbeck bezeugt das 
eindrucksvoller als das Folgende. Und dies, weil von alien Briefen, 
die der Freund an Nietzsche geriehtet hat, dieser der kuhnste sein 
mag. Nicht nur dem Vorschlag nach, mit dem er sich an den Verfasser 
des Zarathustra wendet: eine Gymnasiallehrerstelle in Basel an- 
zMiiehmen— sondern gleich sehr durcb. dieBeschworungen, die Nietz- 
sches Lebensform, ja seine innersten Konflikte angehen. Wie diese 
sich mit nuchternen Informationen und Erkundigungen durchflech- 
ten, das macht die eigentliche Virtuositat des Schreibens, das somit 
nicht nur wie von einem Pass den Blick auf Nietzsches Daseins- 
landschaft offnet, sondern zugleich ein Bild vom Schreiber gibt. 
Und zwar von seiner innersten Natur. Denn dieser Mittler konnte, 
was er war, nur sein, weil er den scharfsten Blick fur die Extreme 
hatte. Seine Streitschriften — «Christentum und Kultur», «Von der 
Christlichkeit der heutigen Theologie» — haben das auf das riick- 
sichtsloseste bekundet. Echte Christlichkeit ist ihm Religion un- 
bedingter esehatologisch begriin deter Weltverneinung, der gemass 
ihm ihr Eingehen in die Welt und deren Kultur als Yerleugnung 
ihres Wesens, alle Theologie von der patristischen Zeit ab als Sa- 
tan der Religion erscheint. Dass er sich selber mit diesen Schrit- 
ten «als Lehrer der Theologie zu Deutschland herausgeschrieben* 
habe, hat Overbeck gewusst. Hier der Brief, dessen Schreiber und 
Adressat freiwillig aus dem Deutschland der Griinderzeit sich ver- 
bannt hatten. 



112 



FRANZ OVERBECK 
AN FRIEDRICH NIETZSCHE 

Basel, Ostersonntag, 25. Marz 1883. 

Lieber Freund, 

besser die Zeit, die Dir lang vorgekommen 1st, ist auch 
wirklich lang gewesen, als ich konnte mich rechtfertigen 
tind Du hattest Dich getauscht. Mein letzter Brief ist 
allerdings vor Wochen geschrieben, langst fiel mir selbst 
dies aufs Herz, und doch habe ich sogar die erste Woche 
der Ferien eben ablaufen lassen, ohne mir dagegen ge- 
holfen zu haben. Von MuBe, die mir diese Ferien gebracht 
hatten, ist eben keine Rede. Briefe und kleinere Arbeiten 
aller Art, die aufgelaufen waren, fielen sofort an der 
Schwelle tiber mich her. Daran erlahmt zeitweihg selbst 
der fast schmerzliche Drang zu einer Antwort, den neuer- 
dings zumal Deine Briefe und das schwere, darin sich 
aussprechende Leiden erzeugen. Ich kann Dir nur sagen, 
auch fiir Deine Freunde ist es eine ernste Sache, dass Du 
trotz allem obsiegest, fiir alle, die Dir anhanglich sind im 
gewohnHchen Sinne, fiir diejenigen, die Dich auch als 
«Fiirsprecher des Lebens» schatzen noch in einem beson- 
deren. Uebermaesig dunkel lasten auf Dir augenblicklich 
Deine Vergangenheit wie Deine Zukunft, beides wirkt 
auch gewiss verderblich auf Deine Gesundheit und ist so 
nicht weiter zu ertragen. Bei der Vergangenheit, Deiner 
geistigen, denkst Du nur an Fehlgrif fe und Unglucksfalle, 
nicht an das, was davon zu uberwinden Dir noch stets 
moglich war. Andere, die Dir zugesehen haben und kei- 
neswegs nur Deine Freunde, haben meist auch dieses nicht 
iibersehen. Wenn ich an das, was Dir doch auch gelungen 



113 



ist, denke, so erinnere ich Dich an Deine Easier Wirk- 
eamkeit .als Lehrer besonders, teils als deren Zeuge, teils 
weil mich das gleich auf Deine Zukimft bringen wird. 
tjbervoll von ganz anderen Dingen, wie du damals warst, 
hast Du Deinem Amt mit halbem oder Viertelsherzen ob- 
gelegen, immerhin mit etwas davon und jedenfalls mit 
solchem Erfolg, als ob es viel mehr gewesen ware. Warum 
willst Du meinen, Du werdest nichts Gutes mehr machen, 
es sei iiberhaupt Nichts mehr gut zu machen? Das wider- 
spriclit schon englischer, sprichwortlicher, also alter Weis- 
heit, in der neuen Dir selbst geschaffenen Deiner Philo- 
sophic hat es vollends keinen Raum. Diese tauscht Dich 
zwar nicht iiber die Hemmnisse Deines Lebens und seiner 
festen Griindung, aber sie gestattet Dir auch nicht sie zu 
iiberschatzen und Dich zu ergeben. Du fragst aber: Wozu 
noch etwas machen? Znm Teil wenigstens tritt Dir, mein 
ich, diese Frage aus der Dunkelheit, namlich ungewohn- 
lichen Unabsehbarkeit Deiner Zukunft entgegen. Du 
schriebst mir neulich, Du wolltest «verschwinden». Deiner 
Phantasie schwebt dabei ein ganz bestimmtes, ohne Zwei- 
fel selbst sehr lebhaftes Bild vor, und es erfullt Dich mit 
der Zuversicht (die ich mit soldier Freude doch immer 
wieder in Deinen Brief en auch jetzt hervorbrechen sehe), 
Dein Leben soils Gestalt bekommen. Einen Freund kann 
aber die Eroffmmg einer solchen Aussicht nur mit der 
aussersten Banglichkeit erfiillen. Er hat jenes Bild nicht, 
und dags Du Dich dabei mit Frau Wagner zusammenstellst, 
bemhigt ihn am wenigsten. Sie ist wirklich, ohnehin am 
Schluss ihres Lebens, in einer Lage, wo ein solches schliess- 
lich sich vollkommen auf sich selbst Zuriickziehen und 
auf das, was man gegen alle Welt sein eigen genannt hat, 
bei dem natiirlichen menschlichen Egoismus noch etwas 



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wahrhaft Begliickendes haben kann, und dies, meine ich, 
sogar in vollstandiger Uebereinstimmung mit einer ver- 
standigen, auf die menschliche Natur und sortst nichts ge- 
griindeten Moral. «Dein Verschwinden», wenn es uber- 
haupt etwas mit dem der Frau Wagner gemein haben soli, 
wii'rde Dir gewiss kein Gliick bringen. Ich sehe keine 
Mogliehkeit fiir die Beruhigung, deren Du zur Zeit so 
sehr bedarfst, so lange Du nicht festere Ziele fiir Dein 
kiinftiges Leben ins Auge fassest. Und da will ich Dir 
denn einen Gedanken mitteilen, den ich kiirzlich in Hin- 
sicht auf Dich mit meiner Frau schon besprach und der 
una Beiden der Ueberlegung nicht uuwert erschien. Wie 
ware es, wenn Du daran dachtest, wieder Lehrer zu wer- 
den, ich meine nicht akademischer, sondern Lehrer (etwa 
des Deutschen) an einer hoheren Schule? Ich begreife 
eehr wohl alles Peinliche, was Beriihrungen mit dem 
adulten Mannergeschlecht der Gegenwart fiir Dich haben, 
eine Riickkehr iiber die Jugend wird Dir ungleich leich- 
ter sein, oder vielmehr Du kannst selbst auch bei ihr ganz 
stehen bleiben und in Deiner Weise fiir Menschen wirken. 
Sodann ist solcher Lehrerberuf einer von denen, ja darin 
vielleicht keinem andern vergleichbar, fiir welchen Du 
in diesen letzten Jahren nicht nur keine Zeit verloren 
hast, sondern fiir welchen Du nur noch reifer geworden 
bist. Endlich wiirde es Dir mit einer Absicht dieser Art 
auch ausserlich — verzeih den schauderhaften, aber in 
unserer Zeit verstandlichen Ausdruck, und ich will nur 
kurz und verstandlich sein — an Ankniipfungspunkten 
nicht fehlen. Denn ich bin iiberzeugt,. — rede iibrigens 
dabei und in dieser ganzen Sache in strengstem Sinn nur 

aus mir heraus dass Du hier damit ankamest. Bei diesen 

Andeutungen lasse ich es bewenden, das fiihrst Du Allee, 



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wenn der Gedanke Lei Dir nur iiberhaupt anklingt, ja eo 
sehon wie ichs nur wiinschen mag bei Dir aua. Fur jetzt ist 
mein bester Trost, dass ich Dich unter arztlieher Aufsicht 
weiss und dass hoffentlich nichts Wesentliehes und wirk- 
lich Zutragliches versaumt wird. Den Winter haben wir 
hier auch enst im Marz zu kosten bekommen und noch 
vorgestern war ein ausserst rauher Tag. Moge es sich nun 
bald wenden, damit Du an eine zweckmassige Uebersied- 
lung denken kannst. Die Nachrichten iiber Deinen «Zara- 
thustra» sind mir ausserst verdriesslich, und ich will nur 
hoffen, dass Du Dich durch Ungeduld zu keinem Brucfa 
hinreissen lassest, oder wenigstens zu keinem ausser mit 
dem Gedanken sofort weiter fiir den Fortgang der Sache, 
wo wir denn sehen miissten, wie etwa dafiir Rat zu schaf- 
fen ware. Was Du mir von der Entstehung des Gedichts 
schriebst, erfiillt mich mit Vertrauen auf Eeinen Wert, 
und fiir Dein Heil als Schriftsteller habe ich neuerdings 
immer von einem Werke dieser Art Hoffnungen gehabt. 
Dass es Dir mit den Aphorismen so wenig gegluckt, lasat 
sich, meine ich, mit mehr als einem Grunde erklaren. Soil 
ich an Schmeitzner einen Mahnbrief schreiben oder an- 
fragen? — Diese Woche erhalte ich Dein Geld, dieses 
Mai 1000 frcs. Was soil ich Dir davon schicken und wie? 
Ich denke nur recommendiert an Deine Adresse, was aber 
nur mit Papier zu maehen ist. - — Mit herzlichen Griissen 
meiner Frau, in Sorge und Freundschaft stets Deiner ge- 
denkend Dein 

Fr. Overbeck. 



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Im gleichen Verlag 
erschien : 

PAUL CLAUDEL 
GEDANKEN UND GESPRACME 

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